New York.

Jul
2008
23

Der Bild­zei­tung sollte man ja nicht allzu viel Auf­merk­sam­keit zukom­men las­sen, aber von die­ser Kolumne war ich doch über­rascht. Nun ja — bis dar­auf, dass der Autor es nicht las­sen kann, in jeder sei­ner Kolum­nen das Hass– und Schmier­blatt New York Post unterzubringen.

Quelle: www​.bild​.de, Heiko Roloff

Mehr als zehn Jahre bin ich regel­mä­ßig mit der Sub­way von der Upper East Side zur Grand Cen­tral Sta­tion gefah­ren, um ins Axel-Springer-Büro an der 5th Ave­nue zu kom­men. Es ist der beste und ver­nünf­tigste Weg, sich in New York City zu bewe­gen. Denn die Stra­ßen von Man­hat­tan sind so ver­stopft, dass das Fah­ren mit dem Taxi oder allein die Suche nach einem lee­ren „Yel­low Cap“ zum Alb­tram wer­den. Und: Die Sub­way ist natür­lich billiger.

Kein Wun­der also, dass vom Tel­ler­wä­scher bis zum Bör­sen­mak­ler fast alle New Yor­ker täg­lich in die Schächte unter­halb der Hoch­häu­ser hin­ab­stei­gen und sich wie Ölsar­di­nen in den Wag­gons drängeln.

In den ers­ten Mona­ten hatte ich ein bei­nahe „roman­ti­sches“ oder „aben­teu­er­li­ches“ Bild von der Sub­way. Kannte ich doch noch die T-Shirts, auf denen stand: „Ich über­lebte die Sub­way.“ Sie stamm­ten aus der Zeit, in der die Sub­way mit Graf­fiti bemalt (beschmiert?) war und in der viele Men­schen Angst hat­ten, nach 20 Uhr „unter Tage“ zu gehen.

Spä­ter mischte sich eine Art Ernüch­te­rung ein. Vor allem zu den Haupt­ver­kehrs­zei­ten (7 bis 9 Uhr und 17 bis 20 Uhr) nahm ich leere Augen, Anony­mi­tät oder manch­mal auch Feind­se­lig­keit wahr. Alles Anzei­chen eines har­ten Über­le­bens­kamp­fes in der Stadt, die nie­mals schläft und in der alles auf der Jagd nach dem Dol­lar ist.

Die „New York Times“ nahm jetzt die Insas­sen eines Subway-Waggons unter die Lupe. Sie wählte die Q-Line, die von Brook­lyn nach Man­hat­tan führt. Einer der typi­schen Pendler-Züge. Denn die meis­ten Men­schen, die in Man­hat­tan arbei­ten, leben in den ande­ren, preis­wer­te­ren Boroughs wie Queens, der Bronx oder Brook­lyn oder aber in Har­lem. Der Q-Train ist also ein wun­der­ba­rer Spie­gel des Normal-Bürgers in der Mega-Stadt New York.

Ein Don­ners­tag­mor­gen, 8 Uhr 27 an der DeKalb Ave­nue in Brook­lyn. „Clo­sing doors. Atten­tion please…“, ertönt es aus dem Laut­spre­cher in dem Subway-Waggon. Ein Ruck und der Zug fährt an.

128 Men­schen sit­zen zusam­men­ge­pfercht in dem Wagen. 99 von ihnen sind bereit, sich foto­gra­fie­ren und befra­gen zu las­sen. Vier Pas­sa­giere schla­fen, acht haben sich mit einem iPod von der Umwelt iso­liert. Die ande­ren leh­nen die Umfrage genervt ab.

• Ältes­ter Pas­sa­gier: 69 Jahre.

• Jüngs­ter Pas­sa­gier: 3 Jahre.

• Kür­zeste Wohn­zeit in New York: 1 Woche

• Längste Wohn­zeit in New York: 69 Jahre.

• Berufs­stände: 73

• Häu­figste Berufe: Stu­dent (6), Archi­tekt (4).

• Wei­tere Berufe: Anwalt, Arzt, Beamte, Fitness-Trainer, Desi­gner, Prak­ti­kant, Sekre­tä­rin, Computer-Programmierer, Putz­frau, Turnschuh-Verkäufer, Psy­cho­loge, Ban­ker, Finanz-Analyst, Journalist.…

• Men­schen, die in New York gebo­ren wur­den: 34.

• Geburts-Nationen: USA, Russ­land, Bar­ba­dos, Trinidad/Tobago, Kolum­bien, Eng­land, Ukraine, Ecua­dor, Haiti, China, Frank­reich, Gua­te­mala, Aus­tra­lien, Gre­nada, Ban­gla­desch, Japan, Tür­kei, Indien, Domi­ni­ka­ni­sche Repu­blik, Spa­nien, Jamaika, Nige­ria. (Kein Deut­scher dabei – aber das ist sicher nur Zufall). -> Wien, wo ich gerade bin, sieht sich selbst als Welt­stadt. Und gleich­zei­tig hat es ein ‚Ghet­to­pro­blem’ (© Herr Missethon). Was will man jetzt sein — Multi-Kulti-Weltstadt oder klei­nes, schnit­zel­fres­sen­des Pro­vinz­nest? Offen­bar bei­des gleich­zei­tig, was aber nicht gehen wird.

Men­schen und ihre Geschichten:

Nadia Gav­ryl­chenko (30) aus Russ­land. Sie kam mit ihrer Fami­lie nach New York, als sie zehn Jahre alt war. Sie hei­ra­tete einen Ukrai­ner, hat einen Sohn (6) und fährt mit der Sub­way täg­lich zur Arbeit (Büro-Managerin). „Ich habe ver­sucht, woan­ders zu leben. Aber New York ist und bleibt Zuhause.“

Susan Gross (33), gebür­tige New Yor­ke­rin und Schei­dungs­an­wäl­tin. „Ich bin keine New Yor­ke­rin, ich bin Brook­ly­nite. Das Leben in den ein­zel­nen Stadt­tei­len ist so unter­schied­lich, dass man beto­nen muss, wo man lebt.“ Damit liegt sie rich­tig. Man­hat­tan bei­spiels­weise ist inzwi­schen zur exklu­si­ven Insel der Mil­lio­näre mutiert.

Carla Cra­vens (32), Ame­ri­ka­ne­rin aus Dal­las, seit einem Monat in New York, Innen-Designerin. „In Texas muss man lange Stre­cken mit dem Auto fah­ren und die Immobilien-Preise sind irre hoch. Da ist es ein­fach sinn­voll, nach New York zu zie­hen. Ich liebe das Leben in der Stadt. Kein Auto – und einen Job habe ich auch sofort gefunden.“

Natha­niel Long (30), Ame­ri­ka­ner aus Ohio, Online-Verkäufer und frei­be­ruf­li­cher Schrift­stel­ler. Er stu­dierte Jour­na­lis­mus: „Doch in Ohio gab es keine Jobs.“ Des­halb ist er in New York und arbei­tet nachts an sei­ner Lei­den­schaft: Schrei­ben über die Hip-Hop-Szene in Brooklyn.

Arber Camargo (37), Kolum­bia­ner und Inge­nieur, kam vor fünf Jah­ren in die USA und nach New York. „Fami­li­en­an­ge­hö­rige waren schon vor mir hier. New York ist gut zu mir. Ich gehe nicht nach Kolum­bien zurück.“

Nach­dem ich diese Geschichte gele­sen hatte, sah ich eine Story in der „New York Post“ über den meist­ge­hass­ten Baseball-Spieler New Yorks: John Rocker, Ex-Star der Atlanta Braves.

Rocker wurde zum meist­ge­hass­ten Sport­ler New Yorks, nach­dem er Subway-Fahrer so beschrie­ben hatte: „Irgend­ein Kid mit pin­kem Haar neben einer Figur mit Aids neben einem Typen, der gerade zum vier­ten Mal aus dem Knast ent­las­sen wurde, neben einer 20-jährigen Mut­ter mit vier Kindern.…“

Viel­leicht sollte er erst mal selbst mit der Sub­way fah­ren. Punk.

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