Wien.
2008
Ich war ja nun doch in einigen Weltstädten, die diesen Namen auch verdienen. Sehr zu meiner Schande muss ich allerdings gestehen, dass ich bis letzte Woche nie länger als zwei Tage in Wien war (die obligate Wienwoche im Maturajahr ausgenommen, aber das zählt nicht, dann da waren wir eigentlich in Vösendorf, beim Heurigen und bei Schlumberger, so gesehen war die Wiener Nettozeit doch kürzer), und da meist aus Gründen des sozialen Zusammenseins mit entsprechenden Schlafphasen und Erinnerungslücken. Letzte Woche nun war ich allerdings dort, auf Einschulung. Ich wohnte mitten im ‚Problembezirk’ Ottakring, Wien 16.
Nur, von Problemen keine Spur. Ja, es gibt dort viele Kebapstände. Na und?
Die Sache ist, nach einer Woche Wien ist mir der am Anatolischsten aussehende Jungtürke der 4. Generation deutlich sympathischer als der ‚echte Wiener’, wenn selbiger im Rudel auftritt. Die Art von Wiener, die sich mit einem unwirschen (dieses Unwirsche ist eine kulturelle Eigenheit, die eigentlich in ein Museum gehört) Rempler und einem Grunzen, das im letzten Leben vielleicht ein ‚tschuldigung’ war, auf den letzten paar Metern der Rolltreppe zur U4 noch vorbeidrängt, nur um sich genau 3 Sekunden später wieder genau dort zu finden, wo ich relaxtes Provinzei auch bin — ohne Drängeln. Oder die Matrone, die auf eine bösartig in ihrem Weg stehende Reisetasche drauf– statt drübersteigt, ohne etwas zu sagen — bis sie, vermeintlich, außer Hörweite ist und sich bei ihren ebenso gewaltigen Freundinnen über den Fakt, dass eben jene Reisetasche sich in ihrem Weg zu stehen traut, aufregt, so hintenrum. Oder jene, die zwar vor lauter Alternativsein in uniformer Sack und Asche gekleidet sind, sich aber trotzdem in schönstem Schönbrunnerdeutsch hochnäsig unterhalten.
Nein, ich habe viele Freunde in Wien. Aber ‚den Wiener’, den man offenbar nur auf der Straße oder am Pauschalstrand von Mykonos trifft, der ist mir unsympathisch. Sich für das Zentrum der Welt zu halten und doch generell so kleinkariert zu sein, das ist eine sehr eigene Kunstform. Im Gegensatz dazu verhalten sich die allgegenwärtigen Immigranten geradezu vorbildlich. Ja, sicher wird es Probleme geben. Aber ob die nicht am goldenen Wiener Herz liegen, das sich so gerne homogen angranteln würde?
DISCLAIMER: Ich habe nichts gegen Wien und die meisten WienerInnen. Idioten gibt es überall. Der Grund für diesen Eintrag liegt vermutlich darin, dass ich heute in der rush hour durch die Stadt hetzen durfte. Und meine Güte, wünscht man sich da nach London oder New York. Dort ist man sich zumindest einig: rüde auf der Straße, aber daheim ist dann alles vergessen. In Wien bin ich mir da nicht so sicher.
2 comments
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ich greife nur auf, was manche unserer, ähm, ‚volksvertreter’ so an missethönen von sich geben. mir gefällt’s dort :)
der 16te ist mittlerweile ein „schicker” bezirk, siehe mietpreise, siehe blöde boboversammlungen am brunnenmarkt, etc.…„soho ottakring” schimpft sich das dann. ansonsten bin ich ganz bei ihnen, eine wienerin ;-)