Schmierer.

Okt
2009
26

http://​www​.spie​gel​.de/​p​a​n​o​r​a​m​a​/​g​e​s​e​l​l​s​c​h​a​f​t​/​0​,​1​5​1​8​,​6​5​1​2​8​6​,​0​0​.​h​tml

Mit Nagel­la­ckent­fer­ner und Spach­tel gegen Neo­na­zis: Eine Ber­li­ne­rin ent­fernt frem­den­feind­li­che Schmie­re­reien von Haus­wän­den, Strom­käs­ten, U-Bahn-Sitzen. Immer wie­der wird sie des­halb von Pas­san­ten ange­zeigt — die Geschichte eines end­lo­sen Kampfs.

Ber­lin — Eine Klein­stadt­idylle am nörd­li­chen Rand von Ber­lin. Nied­rige Häu­ser säu­men die Stra­ßen, alle mit akku­rat gepfleg­ten Vor­gär­ten. Ver­ein­zelt eilen Anwoh­ner über die sau­ber gefeg­ten Geh­wege, Fremde wer­den kri­tisch beäugt.

Wer hier hin­ter den klei­nen Zäu­nen wohnt, möchte uner­kannt blei­ben, seine Ruhe haben. Irmela Mensah-Schramm weiß das, aber es ficht sie nicht an.

Lang­sam läuft die 63-Jährige durch das Vier­tel, unter­sucht dabei Strom­käs­ten und Stra­ßen­schil­der. Vor ihrem Bauch bau­melt eine Spie­gel­re­flex­ka­mera, in der Hand hält sie einen wei­ßen Stoff­beu­tel. In gro­ßen roten und schwar­zen Buch­sta­ben hat sie dar­auf „Gegen Nazis” geschrieben.

Putz­zwang der beson­de­ren Art

An einem Later­nen­mast bleibt sie ste­hen, schüt­telt ver­är­gert den Kopf. Ein klei­ner Sti­cker mit der Auf­schrift „Gute Heim­reise” klebt an dem Pfahl, dar­un­ter schließt sich ein Logo der NPD an. Reflex­ar­tig fährt sie mit ihrer Hand in die Tasche, zieht einen sil­ber­nen Scha­ber her­vor. Sie drückt das Gerät fest gegen die Alu­mi­ni­um­stange und beginnt zu putzen.

Ener­gisch fährt sie über das Papier, das dumpfe Krat­zen hallt durch die Straße. „Hier in die­ser betuch­ten Gegend hängt mehr Nazi­d­reck als in jeder Ber­li­ner Plat­ten­bau­sied­lung”, sagt sie, wäh­rend immer mehr Schnip­sel zu Boden fal­len, die der Wind in die fei­nen Vor­gär­ten weht. Dann ist der Sti­cker weg — Mensah-Schramm lächelt zufrie­den. Sie ist auf der Jagd.

Seit mehr als 20 Jah­ren zieht die Ber­li­ner Polit-Aktivistin gegen rechts­ex­treme Hass-Schmierereien zu Felde. Im Amts­deutsch wer­den der­ar­tige Paro­len oder Sym­bole „ver­fas­sungs­feind­li­che Kenn­zei­chen” genannt. Sie bil­den mit Abstand das Gros rechts­ex­tre­mis­ti­scher Straf­ta­ten, die beim Bun­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz schlicht unter den Punk­ten „Pro­pa­gan­da­de­likte” und „Andere Straf­ta­ten, ins­be­son­dere Volks­ver­het­zung” zusam­men­ge­fasst werden.

Über 17.000 Schmie­re­reien hat die Behörde für das Jahr 2008 gezählt. Doch Poli­zei und Jus­tiz ermit­teln gegen die Ver­ur­sa­cher nur sel­ten. So ent­ge­hen sie ihrer Strafe. Irmela Mensah-Schramm ist damit nicht ein­ver­stan­den. Die Ein­zel­gän­ge­rin straft Rechts­ex­tre­mis­ten daher auf ihre Weise — durch Ver­nich­tung der Parolen.

Beschlos­sen, nicht mehr wegzusehen”

Ange­fan­gen hat ihre Mis­sion im Som­mer 1986. Direkt vor der Haus­tür. Im bür­ger­li­chen Berlin-Wannsee klebte an einem Later­nen­pfahl der Auf­kle­ber „Frei­heit für Rudolf Hess”. Mensah-Schramm war auf dem Weg zur Arbeit, als sie den Sti­cker sah. Mit Abscheu stand sie davor, wollte das Papier abrei­ßen — doch ihr Bus war­tete bereits. Die gelernte Heil­päd­ago­gin wollte nicht zu spät zur Arbeit kom­men, ließ den Sti­cker hängen.

Den gan­zen Tag lang dachte sie an nichts ande­res. „Ich habe mich geär­gert, dass ich den Auf­kle­ber nicht abge­kratzt habe”, erin­nert sie sich. Am Abend kehrte sie zurück, das Stück Papier hing immer noch da. Sie ver­stand nicht, warum die vie­len Leute, die tags­über an der Hal­te­stelle stan­den, es nicht ent­fernt hat­ten, „da habe ich beschlos­sen, nicht mehr wegzusehen.”

Seit­her sucht die „Polit-Putze der Nation”, wie sie sich sel­ber nennt, nach „Nazi­d­reck”. Bewaff­net mit Spach­tel, Nagel­la­ckent­fer­ner, Lap­pen und Kamera schrubbt und schabt sich die Rent­ne­rin mehr­mals pro Woche durch Ber­li­ner Vier­tel wie Pan­kow und Lich­ten­berg, Trep­tow und Rudow — aber auch durch andere deut­sche Städte.

Aus ihrem frei­wil­li­gem Enga­ge­ment ist im Laufe der Jahre eine Manie gewor­den. Wo immer sie Nazi-Parolen fin­det, legt sie Hand an: in Unter­füh­run­gen, an Haus­wän­den oder auf U-Bahn-Sitzen. Was sich nicht ent­fer­nen lässt, wird über­malt, bevor­zugt mit brau­ner Farbe. „Ich bin immer im Ein­satz. Da muss man dran­blei­ben, nicht nur spo­ra­disch unter­wegs sein.”

Über 80.000 Auf­kle­ber und Schmie­re­reien hat Mensah-Schramm nach eige­nen Anga­ben in den ver­gan­ge­nen 23 Jah­ren ent­fernt — rechts­ex­treme, schwu­len­feind­li­che, anti­se­mi­ti­sche oder ras­sis­ti­sche Paro­len. Nach die­sem Tag wer­den es 78 Sti­cker mehr sein.

Sie sind abar­tig, Sie müs­sen doch auch andere Mei­nun­gen akzeptieren”

Mensah-Schramm steht mitt­ler­weile auf Zehen­spit­zen vor einem Stopp­schild. Sie reckt sich, zieht sich an der Stange noch ein Stück wei­ter nach oben. Sie flucht und prus­tet, ihre Fin­ger errei­chen den Auf­kle­ber immer noch nicht. Dass neben ihr ein schwar­zer Klein­wa­gen hält, bemerkt sie nicht. Ver­wun­dert beob­ach­tet ein jun­ger Mann am Steuer das Schauspiel.

Dann end­lich bekommt Mensah-Schramm eine Ecke des Papiers zu fas­sen, reißt einen gro­ßen Teil her­un­ter. Jetzt begreift auch der Fah­rer und kur­belt die Fens­ter­schreibe run­ter. „Das ist ja super, was Sie da machen! Wie gut, dass es Leute gibt, die nicht weg­schauen”, ruft er. Außer Atem nickt sie ihm zufrie­den zu.

Doch sol­che Zustim­mung erhält Mensah-Schramm nur selten.

Viele ihrer Freunde sind von ihrem Enga­ge­ment genervt, haben sich bereits von ihr ver­ab­schie­det, wie sie sagt. Und ihr Mann finde die Arbeit zwar „in Ord­nung”, habe aber zu große Angst, sel­ber mit­zu­kom­men. Des­we­gen bestrei­tet sie ihre Tou­ren alleine — und wird dabei häu­fig bedroht.

Sie sind abar­tig, Sie müs­sen doch auch andere Mei­nun­gen akzep­tie­ren”, sagte ein­mal eine Pas­san­tin zu ihr, ein ande­rer wollte sie lie­ber „in der Gas­kam­mer” sehen. In Cott­bus wollte ein Neo­nazi sie daran hin­dern, ein Haken­kreuz von einem Strom­kas­ten zu beseitigen.

Das bleibt dran”, habe er gebrüllt. „Nein es kommt ab”, habe sie mit ruhi­ger Stimme erwi­dert, wäh­rend sie hef­tig mit Nagel­la­ckent­fer­ner und Lap­pen putzte. „Dann war es weg, und wir stan­den ganz allein auf die­ser lan­gen Straße”, erin­nert sie sich. „Der Jugend­li­che war außer sich vor Wut, kam bedroh­lich auf mich zu.” Sie sei ihm ent­ge­gen­ge­gan­gen und habe ihm fest in die Augen geschaut. „Was sollte ich auch ande­res tun? Um Hilfe schreien? Da war ja nie­mand.” Der Junge habe sich letzt­lich nicht getraut, sie anzu­grei­fen, sei schimp­fend davongelaufen.

Nur wenige Wochen spä­ter habe an einer Haus­wand in Rudow „Zecke­noma, wir krie­gen Dich” gestan­den — „erst war ich scho­ckiert, dann habe ich es ein­fach übermalt”.

Enga­ge­ment am Rande der Legalität

Mensah-Schramm nimmt einen gro­ßen Schluck Was­ser aus ihrer Plas­tik­fla­sche. Die Sonne steht tief, seit acht Stun­den ist die Polit-Putze jetzt unter­wegs. Erschöpft streicht sie sich ihre weiß-grauen Haare aus der Stirn. Doch die Pause ist nur von kur­zer Dauer.

Sie eilt zu einem Klei­der­con­tai­ner, der ein­ge­rahmt von Büschen in einer klei­nen Park­an­lage steht. Auf der Ein­schub­klappe prangt ein schwarz-weißes Papier mit der Auf­schrift „Natio­nal befreite Zone”. Wie­der muss der Scha­ber her­hal­ten. Nach ein paar Hand­grif­fen ist der Sti­cker weg, aber auch Teile des Betrei­ber­lo­gos sind zerstört.

Beim Abkrat­zen von Paro­len geht schon mal etwas kaputt. Glas­schei­ben bers­ten, Fir­men­lo­gos zer­krat­zen und die far­bi­gen Flä­chen auf Häu­ser­wän­den gefal­len auch nicht jedem”, sagt sie und kann sich dabei ein ver­schmitz­tes Lächeln nicht ver­knei­fen. Dass das als Sach­be­schä­di­gung oder Haus­frie­dens­bruch gilt, ist ihr klar — regel­mä­ßig wird sie auf ihren Tou­ren von Pas­san­ten angezeigt.

Die Nazis hät­ten doch damit ange­fan­gen, ver­tei­digt sich die Rent­ne­rin dann. „Was beim Put­zen kaputt­geht, kann man repa­rie­ren. Die ver­letzte Men­schen­würde nicht.” Das Argu­ment wirkt — bis­her wur­den alle Ver­fah­ren und Ermitt­lun­gen gegen Mensah-Schramm wie­der eingestellt.

Polit-Putze auf Lebenszeit

Auch die Aus­zeich­nun­gen mit der Bun­des­ver­dienst­me­daille 1994 und dem Erich-Kästner-Preis 2005 bewah­ren sie vor vor­ei­li­gen Straf­maß­nah­men. Ihre Arbeit wird vom Staat akzep­tiert und gedul­det, offi­zi­ell aber nicht unter­stützt — das macht sie wütend.

300 Euro inves­tiere sie pro Monat für Mate­rial und Fahrt­kos­ten, spart sogar am Essen, um ihrer Lebens­auf­gabe nach­ge­hen zu können.

Für ihre Wan­der­aus­stel­lung „Hass ver­nich­tet” erhält sie eben­falls keine För­der­mit­tel. Seit Mitte der neun­zi­ger Jahre zeigt sie darin eine Aus­wahl an Paro­len, die sie vor dem Weg­put­zen foto­gra­fiert hat. Dazu bie­tet sie anti­ras­sis­ti­sche Work­shops für Schü­ler an. Doch ohne Spen­den und ihre Erspar­nisse gäbe es das Pro­jekt schon lange nicht mehr, sagt sie. „Ein­fach auf­ge­ben” wolle sie aber nicht, „irgend­wie klappt immer alles”.

Als es an die­sem Tag lang­sam dun­kel wird und sich Mensah-Schramm auf den Heim­weg macht, ent­deckt sie noch einen letz­ten NPD-Aufkleber — die­ser klebt an der Ober­kante eines Vor­fahrts­schilds. „Die Rech­ten hän­gen die manch­mal extra so hoch, weil sie wis­sen, dass ich da nur schwer ran­komme.” Doch anstatt ver­är­gert dar­über zu sein, setzt sie wie­der ihr ver­schmitz­tes Lächeln auf. „Mor­gen bringe ich ein­fach eine Ver­län­ge­rung für den Scha­ber mit, der Sti­cker bleibt da nicht hän­gen”, sagt Irmela Mensah-Schramm.

Die Jagd geht weiter.

Eine Frau mit mehr Eiern als ein gan­zer Schwarm Glatzen.

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