Koma.

Nov
2009
21

Wow. Das ist wahr­lich eine Geschichte, die rund um Hal­lo­ween und in den trü­ben Novem­ber passt.

Rom Hou­bens Bewusst­sein galt als erlo­schen, die Ärzte schrie­ben ihn ab. Tat­säch­lich war der Bel­gier nach einem schwe­ren Auto­un­fall zwar gelähmt, aber nicht komatös. Mehr als 20 Jahre lang musste der heute 46-Jährige macht­los seine Fehl­be­hand­lung ertra­gen, bis der Irr­tum schließ­lich auffiel.

Ham­burg — „Ich habe mich weg­ge­träumt”, sagt Rom Hou­ben, wenn man ihn heute danach fragt, wie er die ver­gan­ge­nen Jahre über­stan­den hat. 23 Jahre lang wurde der 46-Jährige nach Infor­ma­tio­nen des SPIEGEL irr­tüm­lich für einen Wach­ko­ma­pa­ti­en­ten gehal­ten — dabei war er bei nahezu vol­lem Bewusstsein.

Ärzte und Pfle­ger im bel­gi­schen Zol­der hat­ten den Pati­en­ten Hou­ben als hoff­nungs­lo­sen Fall ein­ge­stuft, sein Bewusst­sein galt als erlo­schen. Der Bel­gier, einst Kampf­sport­ler und Inge­nieur­stu­dent, war 1983 nach einem schwe­ren Auto­un­fall ins ver­meint­li­che Wach­koma gefallen.

Erst eine neu­er­li­che Unter­su­chung an der Uni­ver­si­tät von Lüt­tich brachte ans Licht, dass Hou­ben in Wahr­heit all die Jahre nur gelähmt war. Auf­nah­men eines Tomo­gra­fen offen­bar­ten, dass sein Gehirn fast voll­stän­dig funk­ti­ons­fä­hig geblie­ben war.

Inzwi­schen kann sich der Pati­ent mit Hilfe eines Com­pu­ters mit Spe­zi­al­tas­ta­tur mit­tei­len. Als er nach dem Unfall erwachte, so berich­tet er, habe ihm sein Kör­per nicht mehr gehorcht: „Ich habe geschrien, aber es war nichts zu hören.” Macht­los sei er dann Zeuge gewor­den, wie Pfle­ger und Ärzte ihn anzu­spre­chen ver­such­ten, bis sie schließ­lich alle Hoff­nun­gen auf­ge­ge­ben hätten.

So sei ihm nur die Mög­lich­keit geblie­ben, in Gedan­ken in die Ver­gan­gen­heit oder ein bes­se­res Dasein zu flüch­ten. „Nie ver­gesse ich den Tag, an dem sie mich ent­deck­ten, meine zweite Geburt”, schreibt Houben.

„Wer ein­mal den Stem­pel ‚ohne Bewusst­sein’ trägt, wird ihn nicht mehr los”

Der Neu­ro­loge Ste­ven Lau­reys, der Hou­bens erneute Unter­su­chung gelei­tet hat, hatte erst im Som­mer eine Stu­die ver­öf­fent­licht, der­zu­folge Wachkoma-Patienten erschre­ckend häu­fig falsch dia­gnos­ti­ziert wer­den. In rund 40 Pro­zent aller als nur noch vege­ta­tiv ein­ge­stuf­ten Fälle seien bei sorg­fäl­ti­ger Prü­fung noch Bewusst­seins­reste nach­weis­bar. Diese Pati­en­ten sind zeit­weise ansprech­bar; bei guter Behand­lung las­sen sich deut­li­che Fort­schritte errei­chen. Die Ursa­che ist nicht etwa Nach­läs­sig­keit: In allen bean­stan­de­ten Fäl­len waren die Betei­lig­ten von der Rich­tig­keit ihrer Dia­gnose überzeugt.

Wie aber erklärt der Neu­ro­loge die Fehl­be­hand­lung über all die Jahre? Wie konn­ten Ärzte und Pfle­ge­kräfte die Situa­tion der­art falsch ein­stu­fen? Lau­reys glaubt an einen Feh­ler im Sys­tem: „Wer ein­mal den Stem­pel ‚ohne Bewusst­sein’ trägt, wird ihn nur sehr schwer wie­der los.”

In Deutsch­land erlei­den jedes Jahr rund 100.000 Men­schen schwere Schädel-Hirn-Verletzungen. Etwa 20.000 lie­gen danach län­ger als drei Wochen im Koma. Man­che von ihnen ster­ben, andere wer­den gesund. Doch schät­zungs­weise 3000 bis 5000 Men­schen im Jahr blei­ben in einem Zwi­schen­sta­dium gefan­gen: Sie leben wei­ter, ohne je wie­der zurückzukommen.

http://​www​.spie​gel​.de/​w​i​s​s​e​n​s​c​h​a​f​t​/​m​e​d​i​z​i​n​/​0​,​1​5​1​8​,​6​6​2​6​2​7​,​0​0​.​h​tml

Unvor­stell­bar, 23 Jahre lang prak­tisch leben­dig begra­ben zu sein. Wel­chen Geist muss ein Mensch besit­zen, um unter die­sen Umstän­den nicht wahn­sin­nig zu werden?

Wach­koma und ähnli­che Zustände zwi­schen Leben und Tod sind übri­gens Fälle für lega­li­sierte Eutha­na­sie. Ja, es kann sein, dass ein Pati­ent wie­der auf­wacht. Die Frage ist nur, wie qual­voll ist die Zeit bis dahin? Und wie lang soll man war­ten, bis dem ein Ende gemacht wer­den kann? Wenn man sich ver­schie­dene Berichte zum Thema durch­liest, ist so ein Halb­zu­stand nicht wirk­lich ange­nehm. Per­sön­lich würde ich mir wün­schen, trotz aller juris­ti­schen und mora­li­schen Impli­ka­tio­nen erlöst zu wer­den — egal, ob ich irgend wann die theo­re­ti­sche  Chance hätte, mit schwer beschä­dig­tem Gehirn noch ein paar Jahre dahinzuvegetieren.

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