Nazijugend.

Nov
2009
28

NEIN. Ich stimme der Mehr­zahl der Pos­ter zu die­sem schö­nen Arti­kel nicht zu. Sie ver­wen­den näm­lich die­selbe Aus­rede wie die rech­ten Recken, wenn wie­der ein­mal zu laut gerülpst wurde: Buben­dumm­hei­ten, nix dahin­ter, wird schon, abwar­ten und Schnit­zel fressen.

Ich sehe diese rechte Welle aus der Jugend als etwas viel Gefähr­li­che­res. Erin­nert mich sehr stark an die 30er Jahre, als (wirt­schaft­li­che) Hoff­nungs­lo­sig­keit und die Ver­spre­chen, das Blaue vom Him­mel zu holen, die Mas­sen den Nazis in die Arme trieb. Das kann man durch­aus ver­glei­chen, die Zuta­ten sind die­sel­ben, nur der Kuchen wird heute zumin­dest unter Beob­ach­tung angerührt.

Wenn man diese maro­die­re­nen Jugend­li­chen sieht, muss man sich fra­gen: Was sind deren  Per­spek­ti­ven? Ein gan­zes Leben lang als sys­tem­im­ma­nent eher Bil­dungs­ferne zum Min­dest­lohn aus­ge­beu­tet wer­den, und wenn sie dann 75 sind, gibts schon lange keine Pen­sion mehr. Bei sol­chen Aus­sich­ten fällt das ‚völ­ki­sche Gemein­schafts­ge­fühl’ samt bei höchs­tens ein­mi­nü­ti­gem Nach­den­ken sur­rea­len sozia­len Spin­ne­reien auf aus­ge­spro­chen frucht­ba­ren Boden. Gemein­same Feinde (egal, ob es die wie im Fall der Juden eigent­lich gar nicht mehr gibt im eige­nen Lebens­be­reich), sich als Teil einer star­ken Gruppe zu sehen — das sind Zuta­ten zu einem explo­si­ven aber bekann­ten Cock­tail. Brand­stif­ter wie Stra­che und Kon­sor­ten haben die alten Gebrauchs­an­wei­sun­gen für das Instru­ment Masse sehr gut stu­diert und spie­len meis­ter­haft dar­auf — unter dem betre­te­nen Schwei­gen der einen, dem hämi­schen Grin­sen vie­ler und dem tosen­den Bei­fall der anderen.

Gegen­stra­te­gien sind, und das ist das Pro­blem, nicht wirk­lich mög­lich. Der Mensch ten­diert näm­lich dazu, das Nega­tive an sei­ner gewähl­ten Gesin­nungs­ge­mein­schaft aus­zu­blen­den. Ein­fach gesagt, es ist egal, dass blau/orange/braun bei wei­tem die kor­rup­tes­ten Poli­ti­ker der letz­ten 50 Jahre her­vor­ge­bracht haben — solange sie ewig­gest­rige Paro­len ein­ge­packt in Hol­per­reime und gerade noch lega­len Zucker­guss von sich geben, wer­den nicht nur die Jun­gen begeis­tert sein. Ein Gegen­steu­ern ist  nur auf glo­ba­ler Ebene mög­lich. Das wird aber nicht pas­sie­ren, solange ‚die da oben’ den Men­schen nur als etwas sehen, das aus­ge­presst und weg­ge­wor­fen wer­den kann wie eine Zitrone. Kein Wun­der, dass man sich dann andere Feind­bil­der sucht. Denn wie immer gilt: Nach unten wird getre­ten. Wor­auf tritt man aber, wenn man wie inzwi­schen die Mehr­zahl der Bevöl­ke­rung, ganz unten steht?

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Hier noch der Kom­men­tar von Ger­hard Zei­lin­ger, bevor er im Archiv verschwindet:

Öster­reichs Jugend­li­che wäh­len mehr­heit­lich FPÖ. So weit bekannt. Aber was ver­an­lasst sie, das Horst-Wessel-Lied zu sin­gen? Und wieso weiß ein jun­ges Mäd­chen über­haupt, wie das geht?

Letz­ten Sams­tag, nachts, zum Bei­spiel in Amstet­ten. Um diese Zeit sind vor allem Jugend­li­che unter­wegs, man kann sie schon von wei­tem hören. Drei von ihnen machen sich auf der ande­ren Stra­ßen­seite bemerk­bar, 16, viel­leicht 17 Jahre alt, ein jun­ges Mäd­chen ist dar­un­ter. Es schreit plötz­lich laut­hals: „Weiba san zum Pudern da.” Der Jugend­li­che neben ihr, viel­leicht ihr Freund, schreit ebenso laut: „Sieg Heil, Sieg Heil, Sieg Heil.” Der Dritte ver­rich­tet indes mit­ten auf dem Geh­steig seine Not­durft. Dann fängt das Mäd­chen zu sin­gen an, sie singt „Die Fahne hoch” , nicht nur den Anfang, sie singt die ganze erste Stro­phe, sie kann sie auswendig.

Zuerst dachte ich, das müs­sen Rapid–Fans sein, eben erst mit dem Nacht­zug heim­ge­kom­men, aber Rapid hat an die­sem Tag gar nicht gespielt.

Es wäre zu ein­fach gewe­sen: Von den Rapid-Fans in Amstet­ten ist man das längst gewöhnt, sie stei­gen besof­fen aus dem Zug, zie­hen anschlie­ßend grö­lend durch die Stadt und schreien dabei gerne „Sieg Heil” . Schon im Zug haben sie sich „geis­tig” auf­ge­la­den, nicht nur mit Bier, auch mit den in Rapid­krei­sen offen­bar belieb­ten Lie­dern wie: „Von Favo­ri­ten bis nach Ausch­witz zie­hen alle Juden hin …” Ich habe das im Zug ein­mal erlebt, diese Jugend­li­chen sind außer­or­dent­lich san­ges­freu­dig, und meist ist einer dabei, der ein paar von den „alten Lie­dern” weiß.

Der Schaff­ner im Zug war über­for­dert, er hat bewusst nichts gehört, die Fahr­gäste haben auch nichts gehört, wer will schon mit Bier ange­schüt­tet wer­den oder Faust­schläge ins Gesicht bekom­men? Bier und anti­se­mi­ti­sche Lie­der, weiß ich seit­her, sind nicht nur Män­ner­sa­che, da sind immer Mäd­chen dabei, 16, 17 Jahre alt, und sie kön­nen die Lie­der auch schon auswendig.

Woher aber weiß eine 16-Jährige, wie „Die Fahne hoch” geht? Zur sel­ben Zeit fand in der Wie­ner Hof­burg gerade der Bur­schen­schaf­ter­kom­mers der rechts­ex­tre­men „Olym­pia” statt, und es war ein merk­wür­di­ger Zufall, dass das Mäd­chen das (in Öster­reich ver­bo­tene) Horst-Wessel-Lied aus­ge­rech­net vor dem Haus eines natio­nal gesinn­ten Rechts­an­wal­tes sang, der sel­ber Mit­glied der „Olym­pia” ist und in die­ser Nacht wohl auch in der Hof­burg war, als „Alter Herr” . Ich war schon in eine andere Straße ein­ge­bo­gen, sang das Mäd­chen immer noch, viel­leicht konnte sie auch die zweite Stro­phe, wäh­rend eine nächste Gruppe schrei­en­der Jugend­li­cher auf die drei zukam.

Am Wochen­ende ist es immer laut in der Stadt, nicht nur laut. Aber was nachts auf den Stra­ßen pas­siert, davon will offen­bar nie­mand etwas wis­sen: die „Bür­ger” nicht, die wol­len schla­fen, die Poli­zei nicht, die ist per­so­nell unter­be­setzt, und schon gar nicht die Poli­ti­ker, weil sie ja sonst, viel­leicht, etwas tun müss­ten, womög­lich Ver­ant­wor­tung über­neh­men. In der „Fritzl­stadt” Amstet­ten — die ist über­all in Öster­reich — will man alles, nur ja nicht zustän­dig sein.

So lebt es sich beque­mer. Bis dann wie­der ein­mal Wäh­ler­strom­ana­ly­sen uns beschei­ni­gen: Der Groß­teil der Jugend­li­chen wählt rechts. Kein Wun­der, könnte man mei­nen, wenn die, die zwar Wäh­len mit 16 beschlos­sen haben, sich um die poli­ti­sche Befind­lich­keit der Jugend­li­chen über­haupt nicht küm­mern, nicht ein­mal um die Vor­aus­set­zun­gen dazu. Poli­ti­sche Bil­dung gibt es nicht, Bil­dung ist über­haupt in die­sem Land kein Wert. So neben­bei züch­ten wir uns lie­ber Neo­na­zis heran …

Gespens­ti­sche Koinzidenzen

Nazisprü­che sind mitt­ler­weile Teil der „Jugend­kul­tur” , da muss man gar nicht erst Rapid-Fan sein und nicht unbe­dingt männ­lich. Die Nazis waren bekann­ter­ma­ßen eine Jugend­be­we­gung, in der auch die junge Frau ihren Platz hatte. Stramme SA-Männer in glän­zen­den Stie­feln, umju­belt von Frau­en­kör­pern in der Syn­chro­nie des Hit­ler­gru­ßes, die sexu­elle Kom­po­nente auf den Fotos von damals ist unver­kenn­bar. Eines aus dem Fun­dus Amstett­ner NS-Bilder ist mir beson­ders auf­ge­fal­len, auf­ge­nom­men 1940, nicht weit von der Stelle ent­fernt, wo das junge Mäd­chen letz­ten Sams­tag das Horst-Wessel-Lied gesun­gen hat.

Damals zog die „sieg­rei­che Wehr­macht” durch die Stadt, der Frank­reich­feld­zug war gerade zu Ende, nun kehr­ten die „Hel­den” heim, und am Stra­ßen­rand bog sich eine ganze Welle „Sieg Heil” schrei­en­der jun­ger Frauen wol­lüs­tig zu ihnen hin. Genauso hät­ten sie „Wei­ber sind zum Pudern da” schreien kön­nen. Das Dritte Reich: Sex & Crime und „Fahne hoch” . Mas­sen­mord und Wol­lust. Pri­mi­ti­vi­tät und Klein­bür­ger­lich­keit zum Exzess.

In der „Fritzl­stadt” Amstet­ten — sie ist über­all in Öster­reich — gibt es einen „bür­ger­li­chen” Stamm­tisch, wo Sprü­che fal­len wie: „Die Juden gehö­ren alle auf­ge­hängt.” Das sind nicht besof­fene Jugend­li­che, die das sagen, keine Neo­na­zis, kein Pöbel, son­dern „Bür­ger”, höhere Beamte, ein Notar, ein Bezirks­schul­in­spek­tor, ein Arzt, „hono­rige” Leute.

Nur so „herausgerutscht” ?

Das war 1998, als in Amstet­ten ein Denk­mal mit den Namen der ermor­de­ten Juden der Stadt ein­ge­weiht wurde. Es war erstaun­lich und erschre­ckend, wie schnell die anti­se­mi­ti­schen Rülp­ser wie­der her­vor­bra­chen — nicht nur beim Würs­tel­stand, daran hatte man sich ja gewöhnt, das ist „Jar­gon”, wird gesagt, wie halt auf dem Fuß­ball­platz, nein, sogar bei einer Gemein­de­rats­sit­zung brach es durch, kam es hoch oder, wie damals gesagt wurde, „rutschte es her­aus”. Aber her­aus­rut­schen kann nur, was drin­nen ist.

Es ist merk­wür­dig, viel­mehr es ist gespens­tisch: Von Geschichte wis­sen die meis­ten Jugend­li­chen nichts, aber „Die Fahne hoch” kön­nen einige aus­wen­dig. Nur, woher kennt eine 16-Jährige das Horst-Wessel-Lied? Wo hat sie das gehört, und zwar so gehört, dass sie es der­art ver­in­ner­licht hat? Wo lernt man das? Neu­lich beim Spa­zie­ren­ge­hen ent­deckte ich auf einer Park­bank die Auf­schrift: „Juden Stern am Arsch”. Weiß jemand, was das bedeu­ten soll? Und warum schmie­ren Jugend­li­che so etwas auf eine Bank?

Vor der letz­ten Natio­nal­rats­wahl 2008 war Stra­che in Amstet­ten. Ich ging zufäl­lig über den Haupt­platz, als die Ver­an­stal­tung gerade aus war. Ich sah 13-, 14-jährige „Buben” , die noch im Weg­ge­hen has­tig schon nach dem Handy grif­fen: „Mama, ich hab ein Auto­gramm vom Stra­che!” Andere, vom frei­heit­li­chen Frei­bier umne­belt, gröl­ten herum, rie­fen Nazi­pa­ro­len, spuck­ten in Rich­tung von Pas­san­ten, die ihnen zufäl­lig über den Weg lie­fen. Eine Hetz halt, wenn der Stra­che kommt und offen­bar genau die Ton­lage der „Volks­seele” trifft. Der jun­gen „Volks­seele”, wirk­lich? (Ger­hard Zeilinger/DER STANDARD, 28.11.2009)

Ger­hard Zeil­lin­ger , Jg. 1964, ist Ger­ma­nist und His­to­ri­ker und lebt als freier Lek­tor und Publi­zist in Amstetten.

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