Weiße Bärte und blonde Locken.

Dez
2009
07

Jetzt ist wie­der diese Zeit: Wie schon rund um Sam­hain (31. Okto­ber, Allerheiligen/Halloween, dazu spä­ter) krie­chen die selbst­er­nann­ten Ver­tei­di­ger der Vater­land­s­kul­tur aus ihren Löchern, zei­gen nase­rümp­fend auf die jetzt über­all anzu­tref­fen­den Weih­nachts­män­ner und mur­meln Dinge, die was mit der bös­ar­ti­gen Unter­gra­bung ‚unse­rer’ Kul­tur durch ame­ri­ka­ni­schen Non­sens zu tun haben. Was sie natür­lich weder wis­sen noch inter­es­siert: Eigent­lich hat ja das Christ­kind den Weih­nachts­mann ver­drängt. Außer­dem sind die his­to­ri­schen Gescheh­nisse um diese bei­den weih­nacht­li­chen Kon­kur­ren­ten reli­giös betrach­tet ziem­lich spie­gel­ver­kehrt. Doch holen wir wei­ter aus.

Der Weih­nachts­mann stammt nicht aus der Wer­be­ab­tei­lung von Coca Cola. Sorry, hier war keine per­fide Ost­küste am Werk. Sein Ursprung liegt viel wei­ter in der Ver­gan­gen­heit, näm­lich beim Niko­laus — jener der Santa zum Ver­wech­seln ähnlich sehen­den Figur, die den Bischof Niko­laus von Myra dar­stellt. Sel­bi­ger wirkte im römisch besetz­ten Grie­chen­land rund um 270 n. Chr. und sorgte dort neben ein paar Wun­dern dafür dafür, dass die alten Göt­ter aus­ge­trie­ben wur­den. So ließ er zum Bei­spiel einen Baum fäl­len, wel­cher der Jagd­göt­tin Diana geweiht war. Aus katho­li­scher Sicht qua­li­fi­zierte ihn solch bra­chiale Mis­si­ons­ar­beit natür­lich zum Heiligen.

Die­ser Bischof jeden­falls starb am 6. Dezem­ber, das Jahr weiß man nicht genau, es war jeden­falls nach 300. Der Mann wurde also rela­tiv alt, daher viel­leicht die Dar­stel­lung mit wei­ßem Rau­sche­bart. Seit­dem ist er ein Pop­star unter den katho­li­schen Hei­li­gen und brachte ab dem Mit­tel­al­ter den Kin­dern Geschenke, die er anfangs in ihre Schuhe legte (der US-Santa stopft sie heute noch in auf­ge­hängte Socken) und das mor­bi­der Weise am 6. Dezem­ber. Das Weih­nachts­fest ver­lief hin­ge­gen geschen­ke­los und unspek­ta­ku­lär. Viel­leicht wusste man damals noch, dass es nur geklaut ist und schämte sich.

Das änderte sich, als Mar­tin Luther ab 1517 zum Grün­der­va­ter des Pro­tes­tan­tis­mus wurde, der Hei­li­gen­ver­eh­rung ablehnt. Der (hei­lige) Niko­laus wurde durch die Fan­ta­sie­fi­gur Christ­kind ersetzt, die Geschenke auf Weih­nach­ten oder auch Neu­jahr ver­tagt. Das Christ­kind, auch das sei gesagt, stellte übri­gens nicht den neu­ge­bo­re­nen Jesus dar (das wäre das Christuskind) son­dern den aus­ge­wach­se­nen Chris­tus. Mit dem Luthera­nis­mus setzte es zum Sie­ges­zug durch das deutsch­spra­chige Europa an und ver­drängte den Niko­laus auf die Neben­bühne, quasi als Vor­band zum gro­ßen Auftritt.

Inter­es­san­ter Weise tat Luther damit, was eigent­lich sei­ner Refor­ma­ti­ons­lehre grund­le­gend wider­sprach und fol­ge­rich­tig bis heute falsch ver­stan­den wird: Er ersetzte eine an– und begreif­bare Gestalt durch ein rein spi­ri­tu­el­les Wesen, das in sei­ner abso­lu­ten Glau­bens­ab­hän­gig­keit zutiefst katho­lisch ist. Anders gesagt — den Nikolaus/Weihnachtsmann kann man sehen, er stapft durch den Schnee und wenn man als Kind ganz mutig ist, kann man ihm auch schon mal die Mei­nung sagen. Das Christ­kind? Bricht unsicht­bar in Häu­ser ein, hin­ter­lässt Geschenke oder auch nicht und ver­schwin­det wie­der. Es braucht keine Rechen­schaft abzu­le­gen, sich nicht um seine Schäf­chen küm­mern, ja, es exis­tiert nicht ein­mal außer­halb des Zeit­fens­ters von 23. bis 25. Dezem­ber. Dann kommt es von oben herab ange­schwebt und beschließt je nach finan­zi­el­ler Lage der Ver­wandt­schaft, ob das Kind im letz­ten Jahr brav war oder nicht. Diese Ver­hal­tens­wei­sen dürf­ten auch der Grund sein, warum diese pro­tes­tan­ti­sche Erfin­dung heute in katho­li­schen Regio­nen mit Zäh­nen und Klauen ums Über­le­ben kämpft. So eine Figur passt bes­tens ins triste katho­li­sche Welt­bild aus Erb­schuld, lebens­lan­ger Freud­lo­sig­keit, dau­ern­der Sünde und blin­dem Glau­ben ohne himm­li­sches Feed­back bis es zu spät ist.

Klei­ner Aus­ritt: Weih­nacht­li­che Auf­fas­sungs­un­ter­schiede kann man sehr gut aus tra­di­tio­nel­len Weih­nachts­lie­dern her­aus­hö­ren. Wäh­rend jene aus dem deutsch­spra­chi­gen Europa grund­sätz­lich wie strenge Kir­chen­lie­der klin­gen, sind sol­che aus dem angel­säch­si­schen Raum Lie­der der Freude und ver­ste­cken das auch nicht hin­ter vie­len Lagen Moll-Depressionen. Aller­dings gibts dort als Aus­gleich ‚Carol of the Bells’. Das dürfte eher aus einem sehr frü­hen Horrorfilm-Soundtrack stam­men ;)

In den angel­säch­si­schen Län­dern, in Skan­di­na­vien und Russ­land hatte das Christ­kind nie eine Chance. Von den USA aus star­tete 400 Jahre spä­ter auch ‚Santa’ sein Come­back, und hier kommt Coca Cola end­lich ins Spiel. Die Farbe Rot in der Uni­form des Weihnachtsmannes/Nikolaus ist näm­lich seit jeher — zufäl­lig — auch die Mar­ken­farbe des Geträn­ke­her­stel­lers. Seit den 30ern des 20. Jahr­hun­derts wurde er daher für vor­weih­nacht­li­che Wer­bung ein­ge­setzt. Ob das tat­säch­lich zu sei­ner Rück­kehr ins katho­li­sche Europa führte, ist umstrit­ten. Die Annahme liegt aber doch recht nahe.

Heute ist es so, dass sich katho­li­sche und vor allem poli­tisch weit rechts ste­hende Kul­tur­wäch­ter aus­schließ­lich eige­ner Gna­den für das Christ­kind stark machen. Da wird ver­dammt und ver­teu­felt, was das Zeug hält, ohne zu wis­sen, dass man eigent­lich eine pro­tes­tan­ti­sche Schöp­fung zu ver­tei­di­gen sucht. Das ist einer die­ser Fälle, in denen ‚Ame­rika’ her­hal­ten muss, ohne irgend eine tie­fer gehende Ahnung von der Mate­rie zu haben außer ‚mia san mia und ois aundara soi draußn bleibm!’. Die Par­al­le­len zum ebenso ver­teu­fel­ten Hal­lo­ween sind kaum zu über­se­hen: Ame­ri­ka­ni­scher Kitsch, der hier nichts zu suchen hat. Na–ja. Halloween/all hallow’s eve sind schon rein sprach­lich sehr eng ver­wandt. Beide lei­ten sich vom irisch-gälischen  ‚sam­huinn’ her, das ein­fach Som­mer bedeu­tet. Am 1. Novem­ber wurde schon lange vor der katho­li­schen Kir­che das Ende des Som­mers in Europa gefei­ert, an dem die Tore zwi­schen den Wel­ten der Leben­den und Toten offen sind. Das wie­derum kommt wahr­schein­lich daher, dass an die­sem Tag die Kel­ten schon vor Jahr­tau­sen­den ihr über­zäh­li­ges Vieh schlach­te­ten, um die wider­stands­fä­hi­ge­ren Tiere durch den Win­ter brin­gen zu können…

Doch zurück zu Weih­nach­ten. Hier ist eine Idee, wie man unser Weih­nachts­fest vor den bösen Ame­ri­ka­nern ret­ten könnte: Wie wäre es, am 24. Dezem­ber keine Geschenke­or­gien nach vier in mani­schem Kon­sum­stress ver­brach­ten Wochen zu fei­ern? Echte Kul­tur­gläu­bige wür­den ihren Kin­dern am 6. Dezem­ber eine Klei­nig­keit schen­ken und Weih­nach­ten an sich dann so fei­ern, wie es vor­ge­se­hen war — besinn­lich im Kreise der Fami­lie, ohne Stress, dafür aber mit spi­ri­tu­el­ler Vor­freude dar­auf, dass es sowohl nach den heid­ni­schen Wur­zeln als auch den christ­li­chen Leh­ren ab sofort wie­der hel­ler wird.

Das ist natür­lich ein Fiebertraum.

Rea­lis­tisch betrach­tet ist es also voll­kom­men egal, wel­che Fan­ta­sie­fi­gur die Geschen­ke­berge auf­sta­pelt. Mit Reli­gion oder Kul­tur hat das sowieso nichts zu tun. Ich würde daher gerne von die­sem ahnungslos-dumpfen Gesülze über den Unter­gang unse­res Kul­tur­krei­ses ver­schont werden.

Und von ‚Last Christ­mas’ von Wham!

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