Weiße Bärte und blonde Locken.
2009
Jetzt ist wieder diese Zeit: Wie schon rund um Samhain (31. Oktober, Allerheiligen/Halloween, dazu später) kriechen die selbsternannten Verteidiger der Vaterlandskultur aus ihren Löchern, zeigen naserümpfend auf die jetzt überall anzutreffenden Weihnachtsmänner und murmeln Dinge, die was mit der bösartigen Untergrabung ‚unserer’ Kultur durch amerikanischen Nonsens zu tun haben. Was sie natürlich weder wissen noch interessiert: Eigentlich hat ja das Christkind den Weihnachtsmann verdrängt. Außerdem sind die historischen Geschehnisse um diese beiden weihnachtlichen Konkurrenten religiös betrachtet ziemlich spiegelverkehrt. Doch holen wir weiter aus.
Der Weihnachtsmann stammt nicht aus der Werbeabteilung von Coca Cola. Sorry, hier war keine perfide Ostküste am Werk. Sein Ursprung liegt viel weiter in der Vergangenheit, nämlich beim Nikolaus — jener der Santa zum Verwechseln ähnlich sehenden Figur, die den Bischof Nikolaus von Myra darstellt. Selbiger wirkte im römisch besetzten Griechenland rund um 270 n. Chr. und sorgte dort neben ein paar Wundern dafür dafür, dass die alten Götter ausgetrieben wurden. So ließ er zum Beispiel einen Baum fällen, welcher der Jagdgöttin Diana geweiht war. Aus katholischer Sicht qualifizierte ihn solch brachiale Missionsarbeit natürlich zum Heiligen.
Dieser Bischof jedenfalls starb am 6. Dezember, das Jahr weiß man nicht genau, es war jedenfalls nach 300. Der Mann wurde also relativ alt, daher vielleicht die Darstellung mit weißem Rauschebart. Seitdem ist er ein Popstar unter den katholischen Heiligen und brachte ab dem Mittelalter den Kindern Geschenke, die er anfangs in ihre Schuhe legte (der US-Santa stopft sie heute noch in aufgehängte Socken) und das morbider Weise am 6. Dezember. Das Weihnachtsfest verlief hingegen geschenkelos und unspektakulär. Vielleicht wusste man damals noch, dass es nur geklaut ist und schämte sich.
Das änderte sich, als Martin Luther ab 1517 zum Gründervater des Protestantismus wurde, der Heiligenverehrung ablehnt. Der (heilige) Nikolaus wurde durch die Fantasiefigur Christkind ersetzt, die Geschenke auf Weihnachten oder auch Neujahr vertagt. Das Christkind, auch das sei gesagt, stellte übrigens nicht den neugeborenen Jesus dar (das wäre das Christuskind) sondern den ausgewachsenen Christus. Mit dem Lutheranismus setzte es zum Siegeszug durch das deutschsprachige Europa an und verdrängte den Nikolaus auf die Nebenbühne, quasi als Vorband zum großen Auftritt.
Interessanter Weise tat Luther damit, was eigentlich seiner Reformationslehre grundlegend widersprach und folgerichtig bis heute falsch verstanden wird: Er ersetzte eine an– und begreifbare Gestalt durch ein rein spirituelles Wesen, das in seiner absoluten Glaubensabhängigkeit zutiefst katholisch ist. Anders gesagt — den Nikolaus/Weihnachtsmann kann man sehen, er stapft durch den Schnee und wenn man als Kind ganz mutig ist, kann man ihm auch schon mal die Meinung sagen. Das Christkind? Bricht unsichtbar in Häuser ein, hinterlässt Geschenke oder auch nicht und verschwindet wieder. Es braucht keine Rechenschaft abzulegen, sich nicht um seine Schäfchen kümmern, ja, es existiert nicht einmal außerhalb des Zeitfensters von 23. bis 25. Dezember. Dann kommt es von oben herab angeschwebt und beschließt je nach finanzieller Lage der Verwandtschaft, ob das Kind im letzten Jahr brav war oder nicht. Diese Verhaltensweisen dürften auch der Grund sein, warum diese protestantische Erfindung heute in katholischen Regionen mit Zähnen und Klauen ums Überleben kämpft. So eine Figur passt bestens ins triste katholische Weltbild aus Erbschuld, lebenslanger Freudlosigkeit, dauernder Sünde und blindem Glauben ohne himmlisches Feedback bis es zu spät ist.
Kleiner Ausritt: Weihnachtliche Auffassungsunterschiede kann man sehr gut aus traditionellen Weihnachtsliedern heraushören. Während jene aus dem deutschsprachigen Europa grundsätzlich wie strenge Kirchenlieder klingen, sind solche aus dem angelsächsischen Raum Lieder der Freude und verstecken das auch nicht hinter vielen Lagen Moll-Depressionen. Allerdings gibts dort als Ausgleich ‚Carol of the Bells’. Das dürfte eher aus einem sehr frühen Horrorfilm-Soundtrack stammen ;)
In den angelsächsischen Ländern, in Skandinavien und Russland hatte das Christkind nie eine Chance. Von den USA aus startete 400 Jahre später auch ‚Santa’ sein Comeback, und hier kommt Coca Cola endlich ins Spiel. Die Farbe Rot in der Uniform des Weihnachtsmannes/Nikolaus ist nämlich seit jeher — zufällig — auch die Markenfarbe des Getränkeherstellers. Seit den 30ern des 20. Jahrhunderts wurde er daher für vorweihnachtliche Werbung eingesetzt. Ob das tatsächlich zu seiner Rückkehr ins katholische Europa führte, ist umstritten. Die Annahme liegt aber doch recht nahe.
Heute ist es so, dass sich katholische und vor allem politisch weit rechts stehende Kulturwächter ausschließlich eigener Gnaden für das Christkind stark machen. Da wird verdammt und verteufelt, was das Zeug hält, ohne zu wissen, dass man eigentlich eine protestantische Schöpfung zu verteidigen sucht. Das ist einer dieser Fälle, in denen ‚Amerika’ herhalten muss, ohne irgend eine tiefer gehende Ahnung von der Materie zu haben außer ‚mia san mia und ois aundara soi draußn bleibm!’. Die Parallelen zum ebenso verteufelten Halloween sind kaum zu übersehen: Amerikanischer Kitsch, der hier nichts zu suchen hat. Na–ja. Halloween/all hallow’s eve sind schon rein sprachlich sehr eng verwandt. Beide leiten sich vom irisch-gälischen ‚samhuinn’ her, das einfach Sommer bedeutet. Am 1. November wurde schon lange vor der katholischen Kirche das Ende des Sommers in Europa gefeiert, an dem die Tore zwischen den Welten der Lebenden und Toten offen sind. Das wiederum kommt wahrscheinlich daher, dass an diesem Tag die Kelten schon vor Jahrtausenden ihr überzähliges Vieh schlachteten, um die widerstandsfähigeren Tiere durch den Winter bringen zu können…
Doch zurück zu Weihnachten. Hier ist eine Idee, wie man unser Weihnachtsfest vor den bösen Amerikanern retten könnte: Wie wäre es, am 24. Dezember keine Geschenkeorgien nach vier in manischem Konsumstress verbrachten Wochen zu feiern? Echte Kulturgläubige würden ihren Kindern am 6. Dezember eine Kleinigkeit schenken und Weihnachten an sich dann so feiern, wie es vorgesehen war — besinnlich im Kreise der Familie, ohne Stress, dafür aber mit spiritueller Vorfreude darauf, dass es sowohl nach den heidnischen Wurzeln als auch den christlichen Lehren ab sofort wieder heller wird.
Das ist natürlich ein Fiebertraum.
Realistisch betrachtet ist es also vollkommen egal, welche Fantasiefigur die Geschenkeberge aufstapelt. Mit Religion oder Kultur hat das sowieso nichts zu tun. Ich würde daher gerne von diesem ahnungslos-dumpfen Gesülze über den Untergang unseres Kulturkreises verschont werden.
Und von ‚Last Christmas’ von Wham!