Avatar.

Dez
2009
19

Kurz­kri­tik: Der zweite pro­gram­mierte Block­bus­ter des Vor­weih­nachts­ge­schäfts, James Came­rons Ava­tar, ist jetzt nach lan­gem, schwe­rem Hype end­lich auf den Lein­wän­den der Welt zu sehen. Und genau dort sollte man die­sen Film auch sehen. Wenn es je einen Film gege­ben hat, der das Medium Kino bis zum Letz­ten aus­reizt, dann dieser.

Wie bei ande­ren Block­bus­tern spare ich mir eine Inhalts­an­gabe, auch des­halb, weil nach zehn Minu­ten sowieso klar ist, wie alles enden wird. Der Weg dort­hin ist jedoch unein­ge­schränkt sehenswert.

Inter­es­sant ist, wie eng sich Ava­tar, der ein SciFi-Film mit ganz gro­ßen Aus­flü­gen ins Fantasy-Genre ist, vom for­ma­len Ablauf her an Came­rons Tita­nic anlehnt. Natür­lich nicht so sehr von der Hand­lung, son­dern von der Struk­tur. Stellt sich die Frage, ob das Titanic-Erfolgsrezept, für wirk­lich alle Kino­zu­schauer etwas zu bie­ten — von Wald­gehopse und Roman­tik für die Frauen und kom­pe­tent insze­nier­tem Krach­bumm für die Män­ner — 1:1 in eine fremde Welt über­tra­gen lässt. Den Machern ist der Kunst­griff gelun­gen; man müsste einen minu­ten­ge­nauen Ver­gleich mit Came­rons magnum opus anstel­len, um zu sehen, ob nicht viel­leicht sogar die Zeit­mar­ken der Ereig­nisse gleich sind. Beson­ders auf­fal­lend ist das, wenn nach der obli­ga­ten Lie­bes­nacht die bösen Bull­do­zer anrol­len. Habe Tita­nic lange nicht gese­hen, doch wurde der Eis­berg nicht sofort nach der­sel­ben getrof­fen, womit dann der ‚Män­ner­teil’ ein­ge­lei­tet war? Bin fast sicher.

Und warum nicht. Tita­nic ist bis heute der erfolg­reichste Film aller Zei­ten, hat bei­nahe zwei Mil­li­ar­den Dol­lar eingespielt.

Über die tech­ni­schen Qua­li­tä­ten von Ava­tar braucht man kein Wort ver­lie­ren. Hier steht die Trick­tech­tech­nik die­ser Tage und es ist glor­reich. Peter Jack­sons Effekt­firma WETA treibt ihren Gollum auf die Spitze und erweckt teil­weise Hun­der­schaf­ten an über­zeu­gend ani­mier­ten Ali­ens zum Leben. Bei den Haupt­dar­stel­lern Zoë Saldaña und Sam Wort­hing­ton funk­tio­niert das ganz her­vor­ra­gend, vor allem bei Mas­sen­sze­nen wähnt man sich jedoch hin und wie­der in einem Ani­ma­ti­ons­film. Schade auch, dass Saldaña nie ihre echte, mensch­li­che Form zei­gen darf. Die ist näm­lich sehens­wer­ter als alle Spe­zi­al­ef­fekte zusam­men. Das gilt übri­gens auch für Sigour­ney Wea­ver, die mit ihren 60 noch lange nicht in die Rolle der wei­sen älte­ren Dame gedrängt wird und neben dem jun­gen Cast eine wirk­lich tolle Figur macht.

Hat Ava­tar auch Schwä­chen? Gute Frage. Es war mein ers­ter 3D-Film und das ist eine Tech­nik, die ich nicht unbe­dingt haben muss. Ja, der Effekt ist deut­lich sicht­bar, aber er ist auch über­flüs­sig. Man­che Ein­stel­lun­gen, gerade am Anfang, exis­tie­ren nur, um Came­rons eigens ent­wi­ckelte Tech­nik zu demons­trie­ren. Das ist ein Gim­mick. Auch im Lauf des Films funk­tio­niert 3D eigent­lich nur sel­ten — ins Auge springt ein Aus­schnitt von viel­leicht zwei Sekun­den Länge gegen Ende, wenn die Fun­ken eines Feu­ers sehr plas­tisch im Raum ste­hen. Die 3D-Tech lässt viele Sze­nen auch ein­fach künst­lich und blue­scree­nig aus­se­hen und macht auch die rie­sige Lein­wand ‚klei­ner’. Wers mag wird begeis­tert sein.

Warum Came­ron aus­ge­rech­net Michelle Rod­ri­guez gecas­tet hat, weiß wohl nur er. Warum die schlech­teste Schau­spie­le­rin der Welt mit ihren bei­den ewig glei­chen Gesichts­aus­drü­cken noch immer Rol­len bekommt und nicht Kell­ne­rin in Kan­sas City ist, erschließt sich mir nicht. Zum Glück trägt sie meis­tens einen Helm und trifft vor dem Hel­den­tod zwei durch­aus sym­pa­thi­sche Entscheidungen.

Ein klei­ner Kri­tik­punkt gilt auch dem ers­ten Teil, in dem sich doch einige sinn­lose Sze­nen fin­den, die offen­sicht­lich nur exis­tie­ren, um die tolle CGI in all ihrer Pracht zu zei­gen. Das erzeugt Län­gen, die man aber im Gegen­satz zum ent­täu­schen­den 2012 gern auf sich nimmt.

Beson­de­res Lob gebührt nicht nur den CGI-Technikern, die eine sehr außer­ir­di­sche Welt kli­schee­frei zum Leben erwe­cken, son­dern auch den Pro­duk­ti­ons­de­si­gnern Rick Car­ter und Robert Strom­berg. Diese bei­den Vete­ra­nen schaf­fen eine bei­nahe magi­sche Welt, die hart mit der tech­ni­sier­ten der mensch­li­chen Dar­stel­lern kon­tras­tiert. Der Kunst­griff dabei ist, dass sie dabei prak­tisch nie in Kitsch abglei­ten. Gerade die Nacht­sze­nen, wenn der Mond Pan­dora so rich­tig alien wird, hätte das bru­tal in die Hose gehen kön­nen. Tut es aber nicht, das Ergeb­nis ist atemberaubend.

Zusam­men­fas­send kann gesagt wer­den: End­lich wie­der ein­mal ein Film, der den gigan­ti­schen Hype im Vor­feld mehr oder weni­ger erfüllt. Wer drei Stun­den Action erwar­tet, wird ent­täuscht wer­den, aber natür­lich kom­men auch die Krachbumm-Fans auf ihre Kos­ten. Ich gebe Ava­tar 9/10 und schlage Herrn Came­ron vor, bei der Oscar­ver­lei­hung am bes­ten mit einem Lie­fer­wa­gen vor­zu­fah­ren. Das sollte ein paar von den gol­de­nen Her­ren einbringen.

1 comment

Trackback e pingback

  1. - 3D.
    [...] manche Zuschauer werden dadurch zuhause sehr aus dem Film gerissen. Bei MBV ist das egal. Bei Avatar vermutlich ganz ...

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