Ausgemahnt.

Feb
2010
22

Eine der unsym­pa­thischs­ten Gestal­ten in einem ohne­hin unsym­pa­thi­schen Gewerbe hat schein­bar das Ein­se­hen bekom­men und sich selbst erschos­sen: Der berüch­tigte Frei­herr von Gra­ven­reuth, selbst­er­nann­ter Raub­ko­pi­en­jä­ger und nie um einen Trick aus der aller­un­ters­ten Schub­lade ver­le­gen, aus teil­weise nich­ti­gen Grün­den gewal­tige Beträge an ‚Scha­den­er­satz’ her­aus­zu­pres­sen einzumahnen.

Mit wel­chen Tricks diese Kaker­lake vor­ging, doku­men­tiert unter Ande­rem die­ser Arti­kel des Spie­gel sehr schön. Da kann man wirk­lich nur sagen… das Mit­leid hält sich in Gren­zen. Und hof­fent­lich ist das Schick­sal von Gra­ven­reuths ein Bei­spiel für sämt­li­che Jung­spunde, die ver­su­chen, sich mit ähnli­chen Maschen an Kin­dern und Ahnungs­lo­sen zu bereichern:

Zorro der Soft­ware


Hallo Mar­tin”, säu­selte Michaela aus Glad­beck in einem Brief, „ich habe Deine Anzeige im Computer-Flohmarkt gele­sen” und „mir gedacht”, schreib mal, „viel­leicht kön­nen wir ja Spiele tau­schen”. Fürs erste bat die Schü­le­rin um die Com­pu­ter­spiele „Water­loo, Robo­cop und Last Ninja” und ver­hieß („Mein Foto kannst Du behal­ten”) für die Zukunft ein biß­chen mehr — „bis dann Mar­tin und tschüss­siii Michaela”.

Tanja, wie Michaela aus Glad­beck und eben­falls „fast 16 Jahre alt”, schmach­tete Com­pu­ter­fan Udo an. Kopien der PC-Spiele „Water­loo, Robo­cop und Last Ninja” hätte sie gern. Und ähnlich schmei­chelte sich Monika aus Essen („Ich bin 15 Jahre alt, 168 groß und wiege circa 59 Kilo”) bei Kai ein, die PC-Spiele „Sim City, Bub­ble Bob­ble” oder „Bar­ba­rian” wünschte sie sich.

Was als Teen­ager­freund­schaft hätte begin­nen kön­nen, fand rasch sein Ende. Wer arg­los auf den Brief­wunsch der Com­pu­ter­mäd­chen ein­ging, der erhielt viel­fach Post von der Münch­ner Anwalts­kanz­lei Gün­ter Frei­herr von Gra­ven­reuth & Partner.

Sie haben Pla­giate von Com­pu­ter­pro­gram­men ver­viel­fäl­tigt und ver­brei­tet”, ließ die Kanz­lei darin wis­sen und bat dann, „die gel­tend gemach­ten Kos­ten” von „DM 1934,07″ oder „DM 1114,54″ zu begleichen.

Der Münch­ner Anwalt Gra­ven­reuth, 45, ist seit Jah­ren mit Rah­men­ver­trä­gen von Pro­gram­mier­fir­men wie Soft­ware United aus­ge­stat­tet und macht Jagd auf Spiele-Piraten. Woher der Bayer die Her­zens­wün­sche der Ruhr­ge­wächse Michaela, Tanja und Monika kennt, deu­tet er nur an. „Gewisse Sachen”, ora­kelt Gra­ven­reuth, „kom­men ein­fach zu uns.”

Das über­rascht. Die com­pu­ter­ver­lieb­ten Tee­nies („Hob­bys hab’ ich erst mal den PC”) sind unter den ange­ge­be­nen Namen und Adres­sen näm­lich unbe­kannt. Die Software-Bettelbriefe an jugend­li­che Com­pu­ter­freaks, so ermit­telte das Com­pu­ter­fach­blatt c’t — Maga­zin für Com­pu­ter­tech­nik, hät­ten sich „alle­samt als fin­giert erwiesen”.

Unter Michae­las und Tan­jas Adresse in der Tun­nel­straße etwa nahm der Glad­be­cker Ralf Bel­len­dorf die Ant­wort­schrei­ben an die fik­ti­ven Emp­fän­ge­rin­nen ent­ge­gen. Und weil die PC-Welt nun ein­mal klein ist, sind der Münch­ner Anwalt und der Glad­be­cker Briefkasten-Onkel ein­an­der nicht fremd — „man kennt sich”, räumte Bel­len­dorf ein.

Frei­mü­tig bekannte Gra­ven­reuth dem Com­pu­ter­ma­ga­zin c’t, daß „meh­rere Per­so­nen”, die Tan­jas Lockun­gen erla­gen, von sei­ner Kanz­lei auf „Scha­dens­er­satz in Anspruch genom­men wur­den”. Ins­ge­samt, so das Fach­blatt über die Tanja-Masche, seien „Hun­derte sol­cher Briefe” an Com­pu­ter­fans ver­schickt worden.

Den Trick, PC-Jünglinge mit Teenie-Lockbriefen zu ver­füh­ren und sie als poten­ti­elle Raub­ko­pie­rer zu ent­lar­ven, fin­det Gra­ven­reuth schwer in Ord­nung: „95 Pro­zent der Com­pu­ter­freaks”, so der Anwalt, „sind nun mal männ­lich.” Der sze­ne­be­kannte Strei­ter für sau­bere Soft­ware arbei­tet, nach eige­nem Bekennt­nis, auch „mit Pri­vat­de­tek­ti­ven und Ex-Raubkopierern zusammen”.

Als „Test­be­stel­ler” fil­zen seine bekehr­ten Sün­der zum Bei­spiel kennt­nis­reich Fach­zeit­schrif­ten nach ver­däch­ti­gen Anzei­gen, um mög­li­chen Software-Schwarzhändlern auf die Schli­che zu kom­men. Er habe schon Leute erwischt, sagt der Anwalt, die sich als Bit-Banditen „glatt einen Bun­ga­low” ver­dient hätten.

Andere Ertappte hat­ten nicht ein­mal genug Bares, um ihre eigene Klein­an­zeige auf­zu­ge­ben. Der Düs­sel­dor­fer Com­pu­ter­ex­perte Vol­ker König etwa weiß von einem 15 Jahre alten Schü­ler, der sich in Gra­ven­reuths Schlepp­netz verfing.

Der Junge erbat in einem Inse­rat, das seine Mut­ter bezahlt hatte, soge­nannte Public-Domain– oder Demo-Programme für sei­nen Amiga-Computer. Sol­che Soft­ware wird von Hobby-Programmierern und Fir­men unent­gelt­lich oder allen­falls gegen Schutz­ge­bühr verschickt.

Gleich­wohl kam eine Abmah­nung von der Kanz­lei Gra­ven­reuth. Der Anwalt, so Com­pu­ter­mann König, gebärde sich wie ein „selbst­er­nann­ter Zorro der Software-Industrie”.

Auch Stef­fen Rol­ler, Jurist aus Schwe­rin, sieht Gra­ven­reuth in einer frag­wür­di­gen Rächer-Rolle. Über Mail­bo­xen, das Schwarze Brett der PC-Szene, ließ Rol­ler ver­brei­ten, er sei an allen Gravenreuth-Fällen interessiert.

Zwar sei der Münch­ner Anwalt for­mal im Recht, sagt Rol­ler, doch schnappe er sich offen­bar stets die Schwächs­ten unter den Software-Frevlern. Er pflege dabei auch Metho­den, die in ein­zel­nen Fäl­len den Ver­dacht der Anstif­tung zu einer Straf­tat erfül­len könnten.

Den gewief­ten baye­ri­schen Rechts­ver­tre­ter focht Stan­des­schelte bis­lang nicht an. Nur derbe Szene-Scherze stra­pa­zier­ten schon mal Gra­ven­reuths Nerv.

So hät­ten „unbe­kannte Täter” jüngst die Schil­der sei­ner Kanz­lei abge­schraubt, klagte Gra­ven­reuth. Und ein bit’terböser Anony­mus schickte ihm das Com­pu­ter­spiel „Kill Gra­ven­reuth” ins Haus. Bei dem elek­tro­ni­schen Dart­spiel schleu­dert der Spie­ler Pfeile auf ein beweg­tes Kon­ter­fei des Anwalts — bei Tref­fern färbt sich das Paß­bild rot.

2 comments

  1. admin
  2. kraut

Trackback e pingback

No trackback or pingback available for this article

Leave a Reply

Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken &handeln! Willst du auch an der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien