Missbrauch.
2010
In der katholischen Kirche gärt es wieder. Weitere Missbrauchsfälle an Kindern gelangen, Jahrzehnte nach dem Geschehen, an die Öffentlichkeit. Das hatten wir doch schon einmal — ein gewisser Kardinal Groer wurde jedoch recht fix in ein Kloster abgeschoben, anstatt wie jeder normale Staatsbürger vor Gericht zu landen. Dann folgte ein ebensolcher Skandal in den USA, dann in Irland. Heute sind wir wieder in Österreich angelangt, die Kirche steht unter Beschuss. Es wird wieder über den Zölibat diskutiert.
Doch diese erzwungene Ehelosigkeit ist nicht der Grund für diese Fälle. Vielmehr handelt es sich um eine noch immer tief im (westlichen) Katholizismus verwurzelte Allmachtsfantasie. So positiv die Kirche hin und wieder überraschen kann, im Kern steckt sie nach wie vor im Mittelalter fest. Das beginnt mit der ständigen Einmischung in die Politik des Landes über den schwarzen Block, geht über die nach wie vor vorhandene Angst vor Machtverlust durch offeneren Umgang mit der Sexualität und endet mit der kriminellen Ausübung derselben in verschwiegenen Bubeninternaten. Drohungen mit Hölle und Schwefel sowie die Scham, von einer Vertrauensperson missbraucht worden zu sein, wirkt nicht nur bei Kindern, sondern traumatisiert fürs ganze Leben. Nachweisbar ist, dass sexueller Missbrauch auch eine Machtdemonstration gegenüber dem Opfer sein kann. Der Schluss, dass es sich um solche Fälle handelt, liegt nahe. Ohne Ehe leben viele Menschen, im Gegensatz zu vielen Klerikern auch gänzlich ohne Sex. Diese Menschen erheben allerdings nicht den Anspruch, die alleinige moralische Instanz zu sein. Etwas Bescheidenheit und ein Rückzug auf ihre alten Grundwerte — und sei es nur als Atempause — täte dem römischen Christentum gut. Auch der Staat muss sich überlegen, was er mit seiner so-gut-wie-Staatsreligion anfängt. Das Konkordat endlich in der Luft zu zerreißen wäre ein guter Anfang. Dieser Rechtsbruch vonseiten der Republik wäre auf vielen Ebenen mehr als nur vertretbar und würde auf lange Sicht — die man der katholischen Kirche wahrlich nicht absprechen kann — wahrscheinlich auch zuträglich.