iPad.
2010
Die Apple-Hypemaschine lief in den letzten Monaten auf Hochtouren. Schon seit Jahren (!) wird durch gezielt gestreute Gerüchte darauf hingearbeitet, und in den letzten Tagen vor dem endgültigen Verkaufsstart am Samstag erreichte die Erregung einen kaum mehr erträglichen Höhepunkt. Apple geht dabei ebenso geschickt wie professionell vor. In Europa gibt es für das iPad so gut wie keine klassische Werbung (in den USA schon). Die Arbeit erledigen sämtliche Medien vom Provinzblatt OÖ Nachrichten bis hin zur Zeit und BBC.
Von einem Marketingstandpunkt muss man Apple gratulieren. Dieser absolute Zenit einer Marketingstrategie, die ihresgleichen sucht, ist wahrscheinlich Milliarden Euro wert, wäre das alles über klassische Einschaltungen gelaufen. Aber der Apfel aus Cupertino hat sich eine fanatische Fangemeinde aufgebaut, die ebenso kaufkräftig wie lautstarkt ist — der Idealfall. Wie schon beim iPhone erreichte die Fieberkurve genau zum Verkaufsstart ihren Höhepunkt mit vor Apple-Stores campierende Fans, die teilweise sogar extra in die USA geflogen sind, um das Ding wirklich am ersten Tag zu bekommen. Da spielen die Medien gerne mit und drucken auch die letzte Pressemeldung brav ab. Im größten Online-Medium des Landes, auf derstandard.at/web, finden sich im Moment rund zehn gleichzeitig, alle aus der letzten Woche allein. Nicht viel anders sieht es auf anderen Websites aus, die sich, wie etwa das ansonsten sehr lesbare wired.com, in Jubelhymnen überschlagen
Natürlich ist wie immer vollkommen egal, dass die erste Version in rund einem halben Jahr wesentlich billiger werden wird und auch technische Mängel aufweist, die dann zum kleineren Preis ausgebessert werden. Kennt man ebenfalls, siehe iPhone, das erst in der 3. Generation richtig gut wurde. Und zu Anfang so teuer war und so schnell billiger wurde, dass Apple an die treuen early adopters 100-Dollar-Gutscheine verschicken musste, um einen Aufstand zu vermeiden.
Es ist müßig, über die Vor– und Nachteile zu diskutieren. Das wurde tausendfach in den Wochen seit Steve Jobs’ stark religiös angehauchter Präsentation gemacht. Im Endeffekt ist das iPad eine Kauf– und Konsummaschine, die es eigentlich gratis zu einem Zeitschriftenabo geben müsste und wohl bald wird. Einen tieferen Sinn hat sie eigentlich nicht; ist halt schön anzusehen und auf dem Sofa recht praktisch. Von Hunderschaften anderer Tablets unterscheidet es sich nur im gigantischen Marketing und darin, dass Apple bestimmt, was darauf laufen darf und nicht der ‚Eigentümer’.
Nun ja.
Scheint’s als hätten potenzielle Käufer abseits der Fanboys das begriffen. Ausverkauft schon vor Verkaufsstart? Kennen wir schon. Und ganz offensichtlich nicht wahr… denn die iPads liegen abseits des ersten Ansturmes ziemlich unverkäuflich in den Regalen herum. So schnell kann sich der übliche Hype mit (bezahlten?) Schlangen vor den Stores selbst als die selbstgemachte Chimäre entlarven die er ist — wenn nämlich eine Straße weiter genau gar nichts passiert.
1 comment
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Endlich mal einer der es schreibt wie es ist. Schade das man so einen Artikel nicht im Webstandard lesen wird.
Danke.