Kapital.
2010
Man muss kein rasender Linker sein um zu sehen, dass es im kapitalischen Gebälk kracht. Die Börsen, ohnehin Casinos für sehr Feige, legen Hochs und Tiefs hin, dass nur mehr die Ohren schlackern. Der Dow Jones fällt innerhalb weniger Minuten aus ungeklärter Ursache um 9 Prozent. Einfacher Tippfehler eines Traders? Schock der Börsenheinis, weil sie Bilder aus Griechenland gesehen haben (was habt ihr geglaubt, dass passieren wird?!) Die paar Cent, die der nach wie vor überbewertete Euro an Wert verliert, werden zum großen Crash hochstilisiert. Die Börsen verlieren die Nerven, weil das unmögliche ewige Wachstum eine Delle erhält.
Natürlich kriechen auch pünktlich die Cassadras aus den Löchern. Am Ende sei das System, so geht das nicht weiter, wir werden alle STERBEN! Währenddessen geht aber das Leben weiter, als sei gar nichts passiert. Hier ist eine Diskrepanz zu bemerken. Natürlich werden die Reichen immer reicher, aber was kümmert mich das? Wir sprechen von fiktiven Werten. Wenn eine Aktie ‚fällt’, dann ist vorerst nichts verloren außer Zahlen auf dem Papier. Das Unternehmen dahinter arbeitet genauso weiter wie vorher, macht Gewinne oder Verluste, jedenfalls ändert sich genau nichts außer die virtuellen Portfolios. Real wird das alles dort, wo es das immer wird: Wenn es ganz unten angekommen ist, beim kleinen Sparer. Der darf die Zeche zahlen, wenn seine (bisher virtuelle) Privatpension auf einmal nichts mehr wert ist. Umgekehrt funktioniert das übrigens auch: Jeder x-beliebige Kredit wird erst zu realem Geld, wenn der Kreditnehmer es zurückzahlt.
Man könnte sich wünschen, dass die (Finanz-) Welt entschleunigt wird. Normale Menschen können das alles nicht mehr verfolgen, und offensichtlich entgleitet es schön langsam auch den Profis. Hoffnung auf die Politik? Lächerlich. Nicht einmal Investmentbanker verstehen, was da wo wann von wem gehandelt wird.
Viele wünschen sich den totalen Zusammenbruch geradezu.
Abgesehen von den offensichtlichen Folgen — Armut, Krieg, Anarchie — gibt es allerdings auch Anderes zu bedenken. Immer wieder wird gerne der Zusammenbruch des Kommunismus als Beispiel herangezogen. Bei oberflächlicher Betrachtung kann man auch ein paar Parallelen feststellen.
ABER.
Während der Zeit des Kommunismus gab es einen offensichtlich funktionierenden Gegenentwurf, der nicht nur in Lehrbüchern praktiziert wurde. Es ist anzunehmen, dass auch lokale Parteikader im hintersten Sibirien damals wussten, dass es Europa und den USA besser ging, egal, wie viel Propaganda das ZK in sie hineinpumpte. Man wollte vielleicht glauben. Die Realiät war, dass Westberlin die Lichter brannten. Armut? Ja, gab und gibt es, aber der allgemeine und deutlich sichtbare Reichtum überwog.
Heute gibt es diesen funktionierenden Gegenentwurf nicht. Natürlich existieren so viele Ideen wie Menschen,aber es gibt nichts, woran man sich ein Beispiel nehmen könnte, das nacheifernswert wäre. Bei all den Troubles rund um Zahlen auf Bildschirmen — was ist die Alternative? Nordkorea? Kaum. Die skandinavischen Staaten? Kann man mentalitätsmäßig nicht umlegen. Es gibt einfach nichts Erstrebenswerteres als das momentane System, zumindest nicht außerhalb der akademischen Zirkel. Es gibt kein Westberlin, das man von der eigenen Wohnung aus die Aussagen der eigenen Anführer Lügen strafen sehen kann. Aus diesem Grund wird ‚das System’ weiterleben. Es wird Korrekturen geben, die nächste sicher blutig, doch daraus wird nichts Neues entstehen. Ende der Fahnenstange. Wir haben uns ausgeliefert und das mit Haut und Haaren.
Es gibt allerdings eine Möglichkeit, die große weite Finanzwelt ebendies sein zu lassen. Die ist einfach: Eine Rückbesinnung auf lokale und regionale Werte. Kein Einmauern, wie das von den geistesgestörteren Parteien verlangt wird, sondern der Aufbau lokaler Wirtschaftskreisläufe. Es ist nämlich nicht so, dass ich Erdbeeren aus Chile kaufen muss. Was spricht dagegen, sich eine Scheibe von der (teils recht verschwörungstheoretischen) Freigeldtheorie abzuschneiden und damit zumindest lokal Geld wieder zu dem zu machen, als das es eigentlich gedacht war — nicht eine Ware an sich sondern eine bequemere Art des Tauschhandels? Damit kann ich mir keinen Fernseher aus Japan kaufen, aber den Installateur aus der Nachbarschaft bezahlen, der mir die Leitungen durchputzt. Der kauft dann Milch aus dem Mühlviertel darum und der Bauer Futtermittel aus dem Zentralraum. Selbstverständlich muss daneben die ‚große’ Währung erhalten bleiben, denn der Mensch lebt heute nicht mehr nur von dem, was in der Umgebung erzeugt wird. Um ein solches System in die Realität umzusetzen, braucht es kluge Köpfe und politischen Willen.
Beides zockt aber lieber an der Börse und bedient sich dann beim Steuerzahler, wenn die Lottozahlen überraschender Weise einmal nicht kommen.
2 comments
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anneliese rohrer ist genial. es ist seit jahren ein genuss, sie in diskussionen zu sehen — eigentlich deutlich besser als ihr geschriebenes werk.
Sehr gut zur momentanigen Situation gestern diese ORF-Talksendung. Eine mürrische Anneliese Rohrer hat sämtliche Anzugträger vor sich hergetrieben, die waren alle ziemlich schmähstad. Wie ist die Lage, wenn grantige alte Frauen die einzigen sind, die sich noch Tacheles reden trauen?