Kapital.

Mai
2010
08

Man muss kein rasen­der Lin­ker sein um zu sehen, dass es im kapi­ta­li­schen Gebälk kracht. Die Bör­sen, ohne­hin Casi­nos für sehr Feige, legen Hochs und Tiefs hin, dass nur mehr die Ohren schla­ckern. Der Dow Jones fällt inner­halb weni­ger Minu­ten aus unge­klär­ter Ursa­che um 9 Pro­zent. Ein­fa­cher Tipp­feh­ler eines Tra­ders? Schock der Bör­sen­hei­nis, weil sie Bil­der aus Grie­chen­land gese­hen haben (was habt ihr geglaubt, dass pas­sie­ren wird?!) Die paar Cent, die der nach wie vor über­be­wer­tete Euro an Wert ver­liert, wer­den zum gro­ßen Crash hoch­sti­li­siert. Die Bör­sen ver­lie­ren die Ner­ven, weil das unmög­li­che ewige Wachs­tum eine Delle erhält.

Natür­lich krie­chen auch pünkt­lich die Cas­s­adras aus den Löchern. Am Ende sei das Sys­tem, so geht das nicht wei­ter, wir wer­den alle STERBEN! Wäh­rend­des­sen geht aber das Leben wei­ter, als sei gar nichts pas­siert. Hier ist eine Dis­kre­panz zu bemer­ken. Natür­lich wer­den die Rei­chen immer rei­cher, aber was küm­mert mich das? Wir spre­chen von fik­ti­ven Wer­ten. Wenn eine Aktie ‚fällt’, dann ist vor­erst nichts ver­lo­ren außer Zah­len auf dem Papier. Das Unter­neh­men dahin­ter arbei­tet genauso wei­ter wie vor­her, macht Gewinne oder Ver­luste, jeden­falls ändert sich genau nichts außer die vir­tu­el­len Port­fo­lios. Real wird das alles dort, wo es das immer wird: Wenn es ganz unten ange­kom­men ist, beim klei­nen Spa­rer. Der darf die Zeche zah­len, wenn seine (bis­her vir­tu­elle) Pri­vat­pen­sion auf ein­mal nichts mehr wert ist. Umge­kehrt funk­tio­niert das übri­gens auch: Jeder x-beliebige Kre­dit wird erst zu rea­lem Geld, wenn der Kre­dit­neh­mer es zurückzahlt.

Man könnte sich wün­schen, dass die (Finanz-) Welt ent­schleu­nigt wird. Nor­male Men­schen kön­nen das alles nicht mehr ver­fol­gen, und offen­sicht­lich ent­glei­tet es schön lang­sam auch den Pro­fis. Hoff­nung auf die Poli­tik? Lächer­lich. Nicht ein­mal Invest­ment­ban­ker ver­ste­hen, was da wo wann von wem gehan­delt wird.

Viele wün­schen sich den tota­len Zusam­men­bruch geradezu.

Abge­se­hen von den offen­sicht­li­chen Fol­gen — Armut, Krieg, Anar­chie — gibt es aller­dings auch Ande­res zu beden­ken. Immer wie­der wird gerne der Zusam­men­bruch des Kom­mu­nis­mus als Bei­spiel her­an­ge­zo­gen. Bei ober­fläch­li­cher Betrach­tung kann man auch ein paar Par­al­le­len feststellen.

ABER.

Wäh­rend der Zeit des Kom­mu­nis­mus gab es einen offen­sicht­lich funk­tio­nie­ren­den Gegen­ent­wurf, der nicht nur in Lehr­bü­chern prak­ti­ziert wurde. Es ist anzu­neh­men, dass auch lokale Par­tei­ka­der im hin­ters­ten Sibi­rien damals wuss­ten, dass es Europa und den USA bes­ser ging, egal, wie viel Pro­pa­ganda das ZK in sie hin­ein­pumpte. Man wollte viel­leicht glau­ben. Die Rea­liät war, dass West­ber­lin die Lich­ter brann­ten. Armut? Ja, gab und gibt es, aber der all­ge­meine und deut­lich sicht­bare Reich­tum überwog.

Heute gibt es die­sen funk­tio­nie­ren­den Gegen­ent­wurf nicht. Natür­lich exis­tie­ren so viele Ideen wie Menschen,aber es gibt nichts, woran man sich ein Bei­spiel neh­men könnte, das nach­ei­ferns­wert wäre. Bei all den Trou­bles rund um Zah­len auf Bild­schir­men — was ist die Alter­na­tive? Nord­ko­rea? Kaum. Die skan­di­na­vi­schen Staa­ten? Kann man men­ta­li­täts­mä­ßig nicht umle­gen. Es gibt ein­fach nichts Erstre­bens­wer­te­res als das momen­tane Sys­tem, zumin­dest nicht außer­halb der aka­de­mi­schen Zir­kel. Es gibt kein West­ber­lin, das man von der eige­nen Woh­nung aus die Aus­sa­gen der eige­nen Anfüh­rer Lügen stra­fen sehen kann. Aus die­sem Grund wird ‚das Sys­tem’ wei­ter­le­ben. Es wird Kor­rek­tu­ren geben, die nächste sicher blu­tig, doch dar­aus wird nichts Neues ent­ste­hen. Ende der Fah­nen­stange. Wir haben uns aus­ge­lie­fert und das mit Haut und Haaren.

Es gibt aller­dings eine Mög­lich­keit, die große weite Finanz­welt eben­dies sein zu las­sen. Die ist ein­fach: Eine Rück­be­sin­nung auf lokale und regio­nale Werte. Kein Ein­mau­ern, wie das von den geis­tes­ge­stör­te­ren Par­teien ver­langt wird, son­dern der Auf­bau loka­ler Wirt­schafts­kreis­läufe. Es ist näm­lich nicht so, dass ich Erd­bee­ren aus Chile kau­fen muss. Was spricht dage­gen, sich eine Scheibe von der (teils recht ver­schwö­rungs­theo­re­ti­schen) Frei­geld­theo­rie abzu­schnei­den und damit zumin­dest lokal Geld wie­der zu dem zu machen, als das es eigent­lich gedacht war — nicht eine Ware an sich son­dern eine beque­mere Art des Tausch­han­dels? Damit kann ich mir kei­nen Fern­se­her aus Japan kau­fen, aber den Instal­la­teur aus der Nach­bar­schaft bezah­len, der mir die Lei­tun­gen durch­putzt. Der kauft dann Milch aus dem Mühl­vier­tel darum und der Bauer Fut­ter­mit­tel aus dem Zen­tral­raum. Selbst­ver­ständ­lich muss dane­ben die ‚große’ Wäh­rung erhal­ten blei­ben, denn der Mensch lebt heute nicht mehr nur von dem, was in der Umge­bung erzeugt wird. Um ein sol­ches Sys­tem in die Rea­li­tät umzu­set­zen, braucht es kluge Köpfe und poli­ti­schen Willen.

Bei­des zockt aber lie­ber an der Börse und bedient sich dann beim Steu­er­zah­ler, wenn die Lot­to­zah­len über­ra­schen­der Weise ein­mal nicht kommen.

2 comments

  1. admin
  2. gnal

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