Hans Dichand ist tot. Das ist mit 89 keine so große Überraschung, jedoch war der einer, dem man zugetraut hätte, dass er mit 104 im Büro umkippt. Wichtig ist diese Tatsache, weil Dichand nicht nur Zeitungsherausgeber war, sondern im Verhältnis zur Einwohnerzahl der größte Meinungsmacher der Welt. Die Kronen Zeitung kultivierte, was im Journalismus eigentlich ein Tabu ist: Die schamlose Vermischung der Meinung des Herausgebers und angeblich neutraler Berichterstattung. Die Kampagnen dieser Zeitung prägten die politische Landschaft Österreichs über Jahrzehnte. Politiker, die sich gegen die Krone stellten, konnten praktisch ihr Büro gleich ausräumen. Kanzler Werner Faymann schrieb einst einen Leserbrief, die Präsidentschaftskandidatin Barbara Rosenkranz warf sich öffentlich vor ihm in den Staub, Dutzende andere klärten vorher in der malerischen Muthgasse ab, was denn genehm sei. Unvergessen auch der Kotau von Ex-Präsident Thomas Klestil vor laufenden Kameras (die Doku ist insgesamt sehenswert; als Rache für die Ausstrahlung wurde der Sender arte aus dem Fernsehprogramm der Krone entfernt… man mache sich ein Bild.)
Auch wenn diese Kampagnen immer vom Geist Dichands durchflossen waren, war nie vollkommen durchschaubar, wie seine Zeitung zu einem Thema stehen würde. Wäre Dichand ein reinrassiger Nazi gewesen, wie etwa dieser Bloggerkollege behauptet, hätte er nicht Mitte der 90er-Jahre die Werbetrommel für den EU-Beitritt gerührt (um danach umgehend auf einen scharfen Anti-EU-Kurs zu gehen). Ich glaube das nicht. Ich glaube, er hielt sich für einen Demokraten.
Sicher ist, dass Dichand einen tollen Riecher für die Stimmung im Volk hatte. Er orientierte sich dabei aber nicht an der Intelligenzja oder auch nur an Abgängern der 2. Leistungsgruppe Hauptschule sondern völlig ungeniert am Stammtisch. Damit schuf er ein Perpetuum Mobile: Die Krone schreibt, was der Stammtisch will, der Stammtisch will anschließend, was die Krone schreibt. Heraus kam ein braunes Gesudel voll Hass und Ressentiments, gespickt mit unverhohlen antisemitischen und NS-verherrlichenden Gedichten und Kommentaren.
Was ist das Fazit eines solchen Lebens? Einerseits gibt es nicht viele Menschen, die so viel geleistet haben. Andererseits gibt es auch nicht viele, die über Jahrzehnte Hass, Missgunst und Ressentiments gestreut und das Klima im Land so konsequent vergiftet haben. Was nach Dichands Abgang wohl bleiben wird, ist die Krone. Wer wird die Nachfolge antreten? Vermutlich Eva Dichand, umtriebige und hochintelligente Herausgeberin des U-Bahn-Fetzens Heute. Die wird dann die Hallen von Dichand’schen Gewährsleuten säubern – Jeannée, Gnam, Pandi, Wolf Martin und wie sie alle heißen dürften schon bald in der Versenkung verschwinden. Doch wie geht es weiter? Bei aller Liebe zum Boulevard unterster Schublade traue ich Eva Dichand nicht zu, dass sie die rechts-schmuddelige Linie so weiterfährt. (Links-)liberal wird die Krone zwar nie werden, das würde zu viele Leser kosten in diesem landschaftlich schönen Land, aber eine Abschwächung der Huldigungen für ‘damals’ sollte eigentlich schon drin sein, ebenso wie etwas mehr Respekt gegenüber Menschen im allgemeinen. Kurz gesagt: Hans Dichand mag tot sein, aber die Hoffnung auf ein besseres Österreich ohne ihn ist mehr als lebendig. Willkommen am Tag 1 n. D.
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3 Comments
Ich glaube auch, dass Österreich jetzt wieder netter wird. Dichand hat wie kein anderer durch seine Gehässigkeiten die Stimmung im Land gedrückt, und das hat sich die ganzen Jahre auch auf die Gesetzgebung niedergeschlagen.
Ich glaube fest daran, dass das jetzt besser wird.
Ihr Wort in Gottes Ohr mein Sohn, ich würde nichts lieber sehen, als dass ein Jeannee arbeitslos werden würde und die ganze Bande in hohem Bogen rausfliegt. Allein ich kann es nicht ganz glauben, erst wenn es geschieht!
Jeannée ist schon im Pensionsalter (Jg. 1943). Der und ein paar weitere von diesen Gestalten wie Wolf Martin sind reine Geschöpfe Dichands und werden sogar sicher bald verschwinden.