Dichand.

Jun
2010
17

Hans Dichand ist tot. Das ist mit 89 keine so große Über­ra­schung, jedoch war der einer, dem man zuge­traut hätte, dass er mit 104 im Büro umkippt. Wich­tig ist diese Tat­sa­che, weil Dichand nicht nur Zei­tungs­her­aus­ge­ber war, son­dern im Ver­hält­nis zur Ein­woh­ner­zahl der größte Mei­nungs­ma­cher der Welt. Die Kro­nen Zei­tung kul­ti­vierte, was im Jour­na­lis­mus eigent­lich ein Tabu ist: Die scham­lose Ver­mi­schung der Mei­nung des Her­aus­ge­bers und angeb­lich neu­tra­ler Bericht­er­stat­tung. Die Kam­pa­gnen die­ser Zei­tung präg­ten die poli­ti­sche Land­schaft Öster­reichs über Jahr­zehnte. Poli­ti­ker, die sich gegen die Krone stell­ten, konn­ten prak­tisch ihr Büro gleich aus­räu­men. Kanz­ler Wer­ner Fay­mann schrieb einst einen Leser­brief, die Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­tin Bar­bara Rosen­kranz warf sich öffent­lich vor ihm in den Staub, Dut­zende andere klär­ten vor­her in der male­ri­schen Muth­gasse ab, was denn genehm sei. Unver­ges­sen auch der Kotau von Ex-Präsident Tho­mas Kle­stil vor lau­fen­den Kame­ras (die Doku ist ins­ge­samt sehens­wert; als Rache für die Aus­strah­lung wurde der Sen­der arte aus dem Fern­seh­pro­gramm der Krone ent­fernt… man mache sich ein Bild.)

Auch wenn diese Kam­pa­gnen immer vom Geist Dichands durch­flos­sen waren, war nie voll­kom­men durch­schau­bar, wie seine Zei­tung zu einem Thema ste­hen würde. Wäre Dichand ein rein­ras­si­ger Nazi gewe­sen, wie etwa die­ser Blog­ger­kol­lege behaup­tet, hätte er nicht Mitte der 90er-Jahre die Wer­be­trom­mel für den EU-Beitritt gerührt (um danach umge­hend auf einen schar­fen Anti-EU-Kurs zu gehen). Ich glaube das nicht. Ich glaube, er hielt sich für einen Demokraten.

Sicher ist, dass Dichand einen tol­len Rie­cher für die Stim­mung im Volk hatte. Er ori­en­tierte sich dabei aber nicht an der Intel­li­genzja oder auch nur an Abgän­gern der 2. Leis­tungs­gruppe Haupt­schule son­dern völ­lig unge­niert am Stamm­tisch. Damit schuf er ein Per­pe­tuum Mobile: Die Krone schreibt, was der Stamm­tisch will, der Stamm­tisch will anschlie­ßend, was die Krone schreibt. Her­aus kam ein brau­nes Gesu­del voll Hass und Res­sen­ti­ments, gespickt mit unver­hoh­len anti­se­mi­ti­schen und NS-verherrlichenden Gedich­ten und Kommentaren.

Was ist das Fazit eines sol­chen Lebens? Einer­seits gibt es nicht viele Men­schen, die so viel geleis­tet haben. Ande­rer­seits gibt es auch nicht viele, die über Jahr­zehnte Hass, Miss­gunst und Res­sen­ti­ments gestreut und das Klima im Land so kon­se­quent ver­gif­tet haben. Was nach Dichands Abgang wohl blei­ben wird, ist die Krone. Wer wird die Nach­folge antre­ten? Ver­mut­lich Eva Dichand, umtrie­bige und hoch­in­tel­li­gente Her­aus­ge­be­rin des U-Bahn-Fetzens Heute. Die wird dann die Hal­len von Dichand’schen Gewährs­leu­ten säu­bern — Jean­née, Gnam, Pandi, Wolf Mar­tin und wie sie alle hei­ßen dürf­ten schon bald in der Ver­sen­kung ver­schwin­den. Doch wie geht es wei­ter? Bei aller Liebe zum Bou­le­vard unters­ter Schub­lade traue ich Eva Dichand nicht zu, dass sie die rechts-schmuddelige Linie so wei­ter­fährt. (Links-)liberal wird die Krone zwar nie wer­den, das würde zu viele Leser kos­ten in die­sem land­schaft­lich schö­nen Land, aber eine Abschwä­chung der Hul­di­gun­gen für ‚damals’ sollte eigent­lich schon drin sein, ebenso wie etwas mehr Respekt gegen­über Men­schen im all­ge­mei­nen. Kurz gesagt: Hans Dichand mag tot sein, aber die Hoff­nung auf ein bes­se­res Öster­reich ohne ihn ist mehr als leben­dig. Will­kom­men am Tag 1 n. D.

3 comments

  1. admin
  2. Hunns

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