Die zumutbare Wahrheit.
2010
Trickreich ist die Regierung. Eigentlich sollte das Budget für 2011 im Oktober stehen, der Finanzminister seine Budgetrede halten und danach das Parlament Gelegenheit haben, selbige zu diskutieren und demokratisch Änderungen zu fordern. Beschlossen werden muss es natürlich vor Neujahr. So steht es in der Verfassung.
Nicht so heuer. Erstens wären da die Landtagswahlen in der Steiermark und Wien. Vor allem letztere treibt den Großkoalitionären den Angstschweiß auf die Stirn (und nicht, wie von bösen Zungen kolportiert, die heiße mediterrane Sonne während der zweieinhalb Monate Sommerurlaub). Vor dieser Wahl ist nichts zu erwarten, kein Mucks. Das ist nicht Arbeitsverweigerung, denn hinter den Kulissen wird fleißig am größten Sparpaket aller Zeiten gefeilt. Keine Frage, die Einschnitte werden brutal. Dass zum jetzigen Zeitpunkt noch sanftere Maßnahmen nötig wären statt Wirtschaft und Konsum abwürgender Hysterie, versteht sich von selbst, ist aber ein Thema für einen anderen Kommentar.
Strategie aus falschen Annahmen.
Das eigentliche Problem ist, dass die Regierung zweierlei Falsches annimmt. Zuerst einmal, dass mit einer Budgetrede erst im Dezember weder Bevölkerung noch Parlament genug Zeit haben werden, sich mit den Details auseinanderzusetzen. Das Parlament hat seine Funktion in diesem Land ohnehin schon lange eingebüßt. Es ist zur Durchwinkmaschine verkommen, oder wie Peter Pilz im Interview so schön sagt, was oben reingeht kommt unten unverdaut wieder raus. Widerspruch? Da ist der Clubzwang vor. Mutige Abgeordnete? Gibts nicht, denn die verschwinden spätestens nach der Wahl von den Gehaltslisten. Initiativanträge? Kennt man nur für hirnverbrannte Ideen der Opposition, die bei Bier und Joints (bzw. Bier und dem Horst-Wessel-Lied) um drei in der Früh entstanden sein müssen. Besser schweigen, brav aufzeigen wenn der Chef das sagt und ansonsten nicht weiter auffallen. Das Parlament ist für die Regierung weder lästig noch herausfordernd, es ist einfach. Dank Clubzwang und von Parteien abhängigen Abgeordneten ist es willfährig und damit weit von seinem Zweck entfernt.
Doch zurück zum Thema. Das Timing täuscht natürlich. Denn erstens werden die Oppositionsparteien in schrillsten Farben ausmalen, was denn nicht alles an Grausamkeiten geplant ist. Die Wahrheit darf ja noch nicht ans Licht kommen, daher kann es auch kaum Dementi oder Fakten dagegen geben. Außerdem werden unweigerlich unvollständige Details durchsickern.
Die zweite große Fehlannahme der Regierung ist, dass dem Volk nicht klar ist, was gespielt wird. Selbst der Dümmste sollte fähig sein, diese transparente Taktik zu durchschauen. Inzwischen wissen auch jene, deren Informationsaufnahme ausschließlich durch Die Ganze Woche und den Musikantenstadl passiert, dass der Gürtel enger geschnallt werden wird müssen. Dem angeblich dummen Volk ist auch das Timing klar. Nach den Wahlen, knapp vor Weihnachten, keine Zeit für irgendwas ist auch nicht so schwer zu durchschauen.
Gefährliche Vorbilder.
Vielleicht nimmt sich die Regierung Deutschland als schlechtes Beispiel. Dort wurde Angela Merkels CDU bei den im großen Bild nebensächlichen Regionalwahlen in NRW trotz Herumtaktiererei abgestraft, weil den Menschen klar war, dass die ungeliebte Griechenlandhilfe zwar teuer aber auch unvermeidlich war. Sogar Bild-Konsumenten war klar, dass die Verzögerungstaktik das Ganze nur teurer machte und den Euro an den Rand des Zusammenbruches brachte. Als Dank dafür ist die dortige Koalition gerade am Zerbrechen, und die Gründe dafür werden in Berlin und Wien falsch interpretiert.
Genau so wird es SPÖ und ÖVP ergehen. Das Problem wird dann nicht auf die eigene Unehrlichkeit geschoben, sondern auf die bösen Ausländer, wegen derer die Wähler angeblich zur FPÖ überlaufen. Zur Volksberuhigung werden dann noch ein paar Arigonas abgeschoben, alles, damit die FPÖ nicht weiter an Land gewinnt. Das Problem ist aber, dass die FPÖ ehrlich ist. Sie hat ein Thema und hinter dem steht sie felsenfest. Ob das noch lange als Ablenkung auch für die anderen Parteien reichen wird, ist anzuzweifeln. 80 Prozent der Österreicher wählen nämlich nicht blaubraun sondern eine andere Farbe. Die lassen sich nicht durch von oben geschürten Hass einlullen, sonder wollen in all den anderen und viel drängenderen Themen vor allem eines:
Ehrlichkeit.
Das Volk will Ehrlichkeit. Es will auch ein Mitspracherecht in Form eines funktionierenden Parlaments. Es will, dass sich Finanzminister Pröll hinstellt, einen vollständigen Kassensturz (auch wenn der wohl schockierend ist) und dann eine Strategie präsentiert, die fair und nachvollziehbar ist. Nur, das wirds nicht spielen. Statt sichtbaren Steuererhöhungen auf Zeit wird es Hunderte schleichender geben. Statt MwSt. und von mir aus auch ESt. und LSt. für einen Zeitraum von drei Jahren um jeweils fünf Prozent zu erhöhen (rund 30 Milliarden Euro), werden da ein Euro, dort zwei und dort fünfzig abgezwackt und das als sozial verträglich verkauft. Das Geld versickert dann, weil niemand die Einkommensströme nachverfolgen kann. Es ändert sich in bester alpenländischer Tradition gar nichts, außer, wie viel man selbst im Geldtascherl behalten darf. Auch größere Posten auf der Ausgabenseite – Stichwort Verwaltungsreform – sind nicht in Sicht, schließlich muss ja die eigene Klientel bedient werden. Passieren wird daher alles vor allem auf dem Kopf der Schwächsten, die sich weder wehren können noch eine Lobby und bei den ‘Anständigen und Fleißigen’ sowieso einen schweren Stand haben bzw. gegen die erfolgreich gehetzt werden kann.
Taktik.
Durch die lächerlich transparente Verzögerungstaktik schürt die Regierung Unmut, gibt der Opposition Gelegenheit zu wahlwerberischen Horrorszenarien und bricht so ganz im Vorbeigehen die Verfassung. Abhalten wird sie davon niemand, denn das ist in diesem Land nicht üblich. Eine bessere Strategie wäre eine offensive. Denn bis auf eine kleine Minderheit wird wohl jeder Bürger verstehe, dass es so nicht weitergehen kann. Die Wahrheit ist somit viel zumutbarer als das, was wir uns bis zum dicken Ende im Dezember selbst zusammenreimen werden.