Nur eine Theorie.
2010
Nachdem ja diverse Verschwörungstheorien inzwischen durchaus auch in seriösen Diskussionsforen angekommen sind und viele Menschen auf reaktionär-dubiose Seiten wie den Kopp-Verlag verweisen, wenn sie ein entsprechendes Argument untermauern möchten, biete ich hiermit auch eine an. Sie dürfte vor allem jenen gefallen, die die Bilderberger für die geheime Weltregierung halten und glauben, dass sowieso alle Medien vom CIA betrieben werden.
Was, wenn das Leak der Tausenden Kriegsdokumente aus Afghanistan keine Panne, kein Zufall war? Vor allem zwei Punkte sprechen dafür:
1. Wer hat Zugang zu ALL diesen need-to-know–Dokumenten? Vermutlich nur Militärs im Generalstab, die in Afghanistan tätig sind; und natürlich Regierungsstellen. Das engt den möglichen Täterkreis schon ziemlich ein. Und wer in solchen Positionen hat so wenig Pflichtbewusstsein und/oder Selbsterhaltungstrieb, sie auch zu veröffentlichen? Eine Person, die diese Eigenschaften besitzt, müsste doch schon aufgefallen sein?
2. The Lady doth protest too much, methinks. Die US-Regierung von Barack Obama abwärts überschlägt sich förmlich mit Verdammungen des Leaks und konzentriert sich dabei vor allem auf den Übermittler. Die anderen ISAF-Partner schweigen oder zucken höchstens mit den Schultern. Was auch die ‘richtige’ Reaktion ist – immerhin wurden keine laufenden Operationen ausgeplaudert, die Daten reichen nur bis 2009. Wenn also etwa Admiral Mullen meint, WikiLeaks hätte ‘Blut an den Händen’, dann weiß auch er, dass das eine hysterische Übertreibung ohne Realitätsbezug ist.
Die Verschwörungstheorie ist folgende: Was, wenn diese Dokumente veröffentlicht wurden, um die Bevölkerung auf einen baldigen Abzug vorzubereiten? Ein solcher würde Afghanistan wieder in die Arme der Taliban treiben, der Westen wie schon die UdSSR in diesem Land eine herbe Niederlage einstecken. Die Dokumente um die wahre Situation dort könnten eine willkommene Erklärung sein, warum ein Abzug notwendig ist. So in die Richtung, sehr her, es geht nicht anders, wenn wir keine toten Soldaten und Zivilisten mehr riskieren wollen.
In Wahrheit braucht der Westen diesen Abzug. Das US-Militär ist überstrapaziert, in Europa gibt es auch für den ‘guten’ Krieg von George Bush keine Unterstützung in der Bevölkerung. Terrorregime wie die im Iran oder Nordkorea können, solange die NATO derart gebunden ist, praktisch tun und lassen was sie wollen, ohne sich allzu sehr fürchten zu müssen. In Afghanistan ist auch nichts zu holen, weder Ruhm und Ehre noch Greifbareres. Selbst wenn das Land morgen magisch zur friedlichen Demokratie mutieren würde, wären noch immer Abermilliarden Dollar nötig, um zumindest eine grundlegende Infrastruktur wiederherzustellen. Und schließlich muss Barack Obama im November Wahlen überstehen. Verlieren seine Demokraten, ist er schon nach nicht einmal zwei Jahren im Amt kaltgestellt und könnte mit einem Kongress voller rechtsrabiater Republikaner nur mehr seine Restzeit absitzen. Ein Abzug noch vor November würde wohl beim Wähler positiv aufgenommen.
Sollte dieser Abzug bis dahin zumindest angekündigt werden, kann man wohl davon ausgehen, dass es sich bei dieser Theorie um eine ganz ohne Verschwörung handelt.