Pakistan, eine Replik.
2010
Nicht selten liest man dieser Tage, wie böse und rassistisch der Westen doch ist, weil die Spenden an das von Jahrhunderthochwassern heimgesuchte Pakistan nicht so sprudeln wie gewohnt. Der Spreeblick beschwert sich zum Beispiel.
Der polemisch erhobene Zeigefinger des von mir ansonsten sehr geschätzten Spreeblick riecht nicht weniger streng als der, den er seinen Lesern am Ende des verlinkten Artikels vorwirft. Wenn Autor Frédéric Valin etwas so zu Herzen geht, dass er pauschale Zuschauerbeschimpfungen austeilt, dann wird es Zeit, ein Flugzeug zu besteigen und vor Ort eine Schaufel in die Hand zu nehmen. Die Wahrheit ist natürlich, dass auch sein Finger nicht steckt, sondern ihm mitsamt der Misere der Pakistani ebendort vorbeigeht — wie den meisten anderen Menschen. Das ist nicht, weil wir böse oder rassistisch sind. Das ist, weil wir Filter eingebaut haben. Hätten wir die nicht, würden wir uns ob des Leides, das in jeder Sekunde auf diesem Planeten herrscht, blitzschnell von der nächsten Brücke stürzen.
Nun ist Pakistan natürlich ein Sonderfall. Dieses Land hat kein Imageproblem, es ist ein Problem. Die nicht unrichtige Perzeption ist, dass es sich
1. Atombomben leistet
2. eine seit Jahrzehnten anhaltende vollkommen sinnlose Fehde mit Nachbar Indien leistet und sich schließlich
3. einen Geheimdienst leistet, der die afghanischen Taliban unterstützt
tragen einen Gutteil zur Gleichgültigkeit bei.
Das sind die Fakten. Fakt ist auch, dass rabiate Islamisten im Land so viel Rückhalt haben, dass es sich praktisch permanent am Rande des Staatstreiches befindet. Der Gedanke an einen Gottesstaat ohne jegliche checks and balances, dafür mit rund 60 einsatzfähigen Atomsprengköpfen, gefällt nicht einmal dem amerikahassendsten Supergutmenschen.
Die Kehrseite der Medaille ist, dass von 172,8 Millionen Einwohnern ziemlich genau 172,799 Millionen mit alldem nichts zu tun haben. Genau die sind aber betroffen. Der Umkehrschluss legt nahe, dass, wenn der Westen nicht hilft, die Taliban genau das tun und damit noch mehr Rückhalt bekommen werden. So weit, so aus dem Gazastreifen bekannt. Ein Land, das sich all die oben erwähnten Dinge leisten kann, sollte auch in der Lage sein, seinen eigenen Bürgern zu helfen. Ist es das nicht, bleibt die Absetzung der Regierung durch die Straße und das Hoffen auf mehr Kompetenz.
Man muss auch die Perspektive des Europäers sehen. Der sieht, auch wenn er tolerant und weltoffen ist, in Radikalislamisten mit Atombomben nicht unbedingt die Keimzelle einer besseren Welt. Zusätzlich ist er durch die Wirtschaftskrise selbst finanziell ausgeblutet und die Katastrophen, die er durch Öffnen der eigenen Geldbörse bekämpfen soll, werden mit jedem Jahr mehr. Außerdem stellt sich eine gewisse Hilfsmüdigkeit ein. Oft scheint es, als würden Hilfsgelder in schwarzen Löchern verschwinden und absolut nichts bewirken. Das Leid wird nicht weniger, der eigene Kontostand, ohnehin nicht mit epischen Ausmaßen beglückt, allerdings schon. Da überlegt man eben. Und das, so un-PC es auch klingen mag, ist absolut berechtigt. Man ist kein Rassist, man ist nicht islamophob und man ist ganz sicher keine intolerante Drecksau mit einem spreeblick’schen Finger im Arsch, wenn man für Haiti spendet und für Pakistan nicht. Es ist auch legitim, für keinen der beiden Krisenherde zu spenden. Oder für beide. Oder nur für das St. Anna Kinderspital. Oder das Geld dem nächsten Sandler zusteckt, der es entweder vertrinkt oder auch ein neues Leben damit beginnt. Spenden ist nämlich keine Pflicht (so wie die staatlichen Hilfsleistungen an betroffene Gebiete, die selbstverständlich zu befürworten sind) sondern eine freiwillige Leistung. Und genauso wenig, wie man Geld in Läden trägt, die man nicht ausstehen kann — ich denke an die Sympathler von KIK oder Lidl — unterliegt auch die Spende den Regeln von Angebot und Nachfrage.
Das ist bitter für den einzelnen betroffenen Bauern in Khyber-Pakhtunkhwa oder Belutschistan. Es ist zynisch, von Menschen, denen gerade ihr gesamtes Leben weggeschwommen ist, zu verlangen, sie sollten das verringerte Spendenaufkommen als Weckruf verstehen. Wer die menschliche Natur kennt, weiß, dass es ganz genau das Gegenteil bewirken wird. Das ist dann bitter für uns.
Es ist allgemein bekannt, dass wir bösen, rassistischen Europäer schon oft genug bewiesen haben, dass dem eben nicht so ist. Es bleibt jedoch jedem selbst überlassen, für einen bestimmten Zweck zu spenden oder auch nicht. Aufgabe von Kommentatoren ist nicht, das Publikum in selbstgerechter Weise ob seiner Spendenmüdigkeit zu geißeln, sondern ihnen Argumente zu liefern, warum es doch eine ganz gute Idee wäre.
6 comments
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Der Hausmeister Fred ist in Wahrheit der Blockwart Frédéric Valin. Und genau das ist das unsäglich Peinliche. Ein Blogger reinigt seinen Blog. Macht ihn im Wortsinn WIDERSPRUCHS-frei. Im konkreten Fall sogar „judenfrei”.
Geil. Du kannst wirklich stolz auf Dich sein, in die Spree blickender Frédéric Valin!
Doch dieser Artikel hier hat mehr Hand und Fuß als Du Dir je wirst wünschen können. Schäm Dich!
@Valerius „das ist kein isoliertes Phänomen” — ich weiß, danke für den link. Doch was mich — auf eine abstoßende Weise — faszinierte, war die anal-fäkal-aggressive Sprache des betr. SPREEWALD-Artikels. Daß der incognito-Hausmeister Fred dort jetzt zensiert, ist ein neues Thema.
Es ist kein Problem für mich, andere Meinungen zum Thema x oder y zu akzeptieren, aber nicht, wenn ich beschimpft oder diskreditiert werde. Ist doch für zivilisierte Menschen nicht schwer zu verstehen. Kein Geld für Pakistan.
Du sprichst mir aus dem Herzen. Man geht da einkaufen, wo man gut behandelt wird. Pakistan hat den Westen nie „gut” behandelt, und Geben wie Nehmen unterliegen, da hast Du völlig recht, denselben Gesetzen. Mir tun die Leute dort leid, aber das wars dann auch schon. Keinen Cent von mir, es gibt viele Staaten und viele reichere Leute als ich es bin, die näher dort dran sind. Dasselbe galt übrigens für mich, das hat mit Religion gar nichts zu tun, auch nichts für Haiti oder damals beim Tzunami gegeben. Für all diese Unglücke bin ich nicht verantwortlich, schlimm genug, wenn dafür Steuergelder von uns missbraucht werden.
Ich habe für die Opfer an Oder und Neiße gespendet. Nein, ich bin kein Neonazi, bei der letzten Wahl habe ich die Piratenpartei gewählt.
Nun ja, das ist kein isoliertes Phänomen. Der schlechtes-Gewissen-Journalismus ist zB auch hier zu finden: http://derstandard.at/1281829433765/Spendenbereitschaft-waechst-nur-langsam
Sehr schön geschrieben.
„Der polemisch erhobene Zeigefinger” — …war in Wahrheit natürlich ein effenbergscher Mittelfinger, wie der „Literat” Frédéric Valin ja selbst zu erkennen gab: „…der riecht nach Arsch.” — Und nur wegen dieser perversen Sprache bin ich überhaupt auf diesen pubertären fascho-aggro-Flachsinn eingegangen.
Es scheint sehr schwierig zu sein, den Unterschied zu verstehen zwischen „Man muss spenden” und „Die Argumente gegen das Spenden für Pakistan sind fadenscheinig, selbstgefällig, hohl und menschenverachtend”.
Sehr schwierig scheint das zu sein.