Pakistan, eine Replik.

Aug
2010
20

Nicht sel­ten liest man die­ser Tage, wie böse und ras­sis­tisch der Wes­ten doch ist, weil die Spen­den an das von Jahr­hun­dert­hoch­was­sern heim­ge­suchte Pakis­tan nicht so spru­deln wie gewohnt. Der Spree­blick beschwert sich zum Beispiel.

Der pole­misch erho­bene Zei­ge­fin­ger des von mir ansons­ten sehr geschätz­ten Spree­blick riecht nicht weni­ger streng als der, den er sei­nen Lesern am Ende des ver­link­ten Arti­kels vor­wirft. Wenn Autor Frédé­ric Valin etwas so zu Her­zen geht, dass er pau­schale Zuschau­er­be­schimp­fun­gen aus­teilt, dann wird es Zeit, ein Flug­zeug zu bestei­gen und vor Ort eine Schau­fel in die Hand zu neh­men. Die Wahr­heit ist natür­lich, dass auch sein Fin­ger nicht steckt, son­dern ihm mit­samt der Misere der Pakis­tani eben­dort vor­bei­geht — wie den meis­ten ande­ren Men­schen. Das ist nicht, weil wir böse oder ras­sis­tisch sind. Das ist, weil wir Fil­ter ein­ge­baut haben. Hät­ten wir die nicht, wür­den wir uns ob des Lei­des, das in jeder Sekunde auf die­sem Pla­ne­ten herrscht, blitz­schnell von der nächs­ten Brü­cke stürzen.

Nun ist Pakis­tan natür­lich ein Son­der­fall. Die­ses Land hat kein Image­pro­blem, es ist ein Pro­blem. Die nicht unrich­tige Per­zep­tion ist, dass es sich

1. Atom­bom­ben leis­tet
2. eine seit Jahr­zehn­ten anhal­tende voll­kom­men sinn­lose Fehde mit Nach­bar Indien leis­tet und sich schließ­lich
3. einen Geheim­dienst leis­tet, der die afgha­ni­schen Tali­ban unterstützt

tra­gen einen Gut­teil zur Gleich­gül­tig­keit bei.

Das sind die Fak­ten. Fakt ist auch, dass rabiate Isla­mis­ten im Land so viel Rück­halt haben, dass es sich prak­tisch per­ma­nent am Rande des Staats­trei­ches befin­det. Der Gedanke an einen Got­tes­staat ohne jeg­li­che checks and balan­ces, dafür mit rund 60 ein­satz­fä­hi­gen Atom­spreng­köp­fen, gefällt nicht ein­mal dem ame­ri­ka­has­sends­ten Supergutmenschen.

Die Kehr­seite der Medaille ist, dass von 172,8 Mil­lio­nen Ein­woh­nern ziem­lich genau 172,799 Mil­lio­nen mit all­dem nichts zu tun haben. Genau die sind aber betrof­fen. Der Umkehr­schluss legt nahe, dass, wenn der Wes­ten nicht hilft, die Tali­ban genau das tun und damit noch mehr Rück­halt bekom­men wer­den. So weit, so aus dem Gaza­strei­fen bekannt. Ein Land, das sich all die oben erwähn­ten Dinge leis­ten kann, sollte auch in der Lage sein, sei­nen eige­nen Bür­gern zu hel­fen. Ist es das nicht, bleibt die Abset­zung der Regie­rung durch die Straße und das Hof­fen auf mehr Kompetenz.

Man muss auch die Per­spek­tive des Euro­pä­ers sehen. Der sieht, auch wenn er tole­rant und welt­of­fen ist, in Radi­kal­is­la­mis­ten mit Atom­bom­ben nicht unbe­dingt die Keim­zelle einer bes­se­ren Welt. Zusätz­lich ist er durch die Wirt­schafts­krise selbst finan­zi­ell aus­ge­blu­tet und die Kata­stro­phen, die er durch Öffnen der eige­nen Geld­börse bekämp­fen soll, wer­den mit jedem Jahr mehr. Außer­dem stellt sich eine gewisse Hilfs­mü­dig­keit ein. Oft scheint es, als wür­den Hilfs­gel­der in schwar­zen Löchern ver­schwin­den und abso­lut nichts bewir­ken. Das Leid wird nicht weni­ger, der eigene Kon­to­stand, ohne­hin nicht mit epi­schen Aus­ma­ßen beglückt, aller­dings schon. Da über­legt man eben. Und das, so un-PC es auch klin­gen mag, ist abso­lut berech­tigt. Man ist kein Ras­sist, man ist nicht isla­mo­phob und man ist ganz sicher keine into­le­rante Dreck­sau mit einem spreeblick’schen Fin­ger im Arsch, wenn man für Haiti spen­det und für Pakis­tan nicht. Es ist auch legi­tim, für kei­nen der bei­den Kri­sen­herde zu spen­den. Oder für beide. Oder nur für das St. Anna Kin­der­spi­tal. Oder das Geld dem nächs­ten Sand­ler zusteckt, der es ent­we­der ver­trinkt oder auch ein neues Leben damit beginnt. Spen­den ist näm­lich keine Pflicht (so wie die staat­li­chen Hilfs­leis­tun­gen an betrof­fene Gebiete, die selbst­ver­ständ­lich zu befür­wor­ten sind) son­dern eine frei­wil­lige Leis­tung. Und genauso wenig, wie man Geld in Läden trägt, die man nicht aus­ste­hen kann — ich denke an die Sym­p­ath­ler von KIK oder Lidl — unter­liegt auch die Spende den Regeln von Ange­bot und Nachfrage.

Das ist bit­ter für den ein­zel­nen betrof­fe­nen Bau­ern in Khyber-Pakhtunkhwa oder Belut­schis­tan. Es ist zynisch, von Men­schen, denen gerade ihr gesam­tes Leben weg­ge­schwom­men ist, zu ver­lan­gen, sie soll­ten das ver­rin­gerte Spen­den­auf­kom­men als Weck­ruf ver­ste­hen. Wer die mensch­li­che Natur kennt, weiß, dass es ganz genau das Gegen­teil bewir­ken wird. Das ist dann bit­ter für uns.

Es ist all­ge­mein bekannt, dass wir bösen, ras­sis­ti­schen Euro­päer schon oft genug bewie­sen haben, dass dem eben nicht so ist. Es bleibt jedoch jedem selbst über­las­sen, für einen bestimm­ten Zweck zu spen­den oder auch nicht. Auf­gabe von Kom­men­ta­to­ren ist nicht, das Publi­kum in selbst­ge­rech­ter Weise ob sei­ner Spen­den­mü­dig­keit zu gei­ßeln, son­dern ihnen Argu­mente zu lie­fern, warum es doch eine ganz gute Idee wäre.

6 comments

  1. Dorota
  2. css_freak2

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