dummes foren-geschwätz.
2011
Portugal will EU-Geld (endlich). Die EZB hebt die Leitzinsen (endlich). Und es zeigt sich wieder einmal, dass, egal, was passiert, in diversen Foren IMMER die Welt untergeht, der finanzielle Crash unmittelbar bevorsteht und überhaupt spätestens in zwei Monaten der glorreiche globale Kommunismus herrschen wird. Endlich!
Ein Link, der in diesem Zusammenhang immer wieder genannt wird, ist, neben schwachsinnigen Verschwörungsseiten wie dem Kopp-Verlag und hartgeld.com, http://www.banken-volksbegehren.at/ In diesem noch nicht in der realen Welt angekommenen Volksbegehren wird folgendes gefordert:
Wir fordern eine Korrektur des Bankgeschäftes, sodaß [sic] eine Anwendung des Strafgesetzbuches (insbesondere StGB §147, §148, §154 und §278a) auf das Bankgeschäft nicht mehr möglich ist.
Nun ja. Versprochen wird eine Erläuterung für jene 99 Prozent der Menschheit, die nicht wissen, was damit gemeint sein soll:
Die Bank läßt [sic, diese Rechtschreibung stammt aus Zeiten, als wir noch den ‘guten alten Schilling’, sprich, die D-Mark, hatten] sich bei einer Kreditvergabe („Befriedigung eines Geldbedürfnisses”) Sicherheiten („einen Vermögensvorteil”) versprechen.
Der Wert der Leistung der Bank (eine Zahl auf ein Kreditkonto schreiben) steht in einem „auffallenden Mißverhältnis” […] zu der Leistung des Kreditnehmers (meist jahrelange oder gar jahrzehntelange harte Lohnarbeit).
Und hier fängt der komplette Schwachsinn an. Er wird auf dieser Seite genauer erläutert. Aber als kleiner Spoiler: Hier die ganz tollen Tipps der anonymen Vollauskenner, wie man das alles umgehen kann:
- Kündigen Sie Ihr Konto. Damit entziehen Sie dem Bankensystem die Möglichkeit (noch mehr) Geld aus dem Nichts zu schöpfen. Ein Leben ohne Konto ist möglich. Oder versuchen Sie wenigstens die Anzahl der Konten in der Familie auf ein Minimum zu beschränken. (viel Spaß beim Abholen des schweren Geldsackerls vom Arbeitgeber. Es wird nur ein Mal passieren, also keine Angst vor dem Bandscheibenvorfall.)
- Kündigen Sie Ihre private Pensionsversicherung. Sie wird in den nächsten paar Jahren wertlos werden. (Na wenn ihr das sagt: Schnell, alle auf die Bank, PV kündigen und riesige Verluste in Kauf nehmen!)
- Verlangen Sie keine Zinsen und zahlen Sie keine Zinsen. (Vielleicht kann man das neue Haus in Pappmaché-Figuren zahlen? Oder einfach den nächsten Tipp beherzigen: ein neues Dach gegen 10.000 Mal Schuhe putzen!)
- Wo immer es möglich ist, tauschen Sie Güter und/oder Dienstleistungen direkt, ohne Geld. (Cool, wie in der Bronzezeit zum letzten Mal!)
- Tun Sie etwas für Ihre – unmittelbare – Gemeinschaft. (Sowieso immer eine gute Idee; was hat das mit Geld zu tun?)
- Kaufen Sie bewußt ein: kaufen Sie lokale Erzeugnisse. (Auch immer eine gute Idee. Wieder nichts mit Geld zu tun.)
- Verwenden Sie freie Software. (SIC!)
- Gehen Sie bewußter mit Energie um, sie ist ein sehr kostbares Gut. (Ähm, ja, eh.)
Dumpfste pseudolinke Paranoiapropaganda on parade.
Abgesehen davon, dass diese Seite anonym geführt wird (Angst vor der NWO, den Freimaurern, der Ostküste, Marsmännchen, Illuminati?), zieht sich dieser Blödsinn durch die ganze Argumentation. Zwei wieder und wieder wiederholte Punkte fallen dabei besonders auf:
1. Die Leistung der Bank sei, eine Zahl auf ein Konto zu buchen.
2. Die Bank erschafft dieses Geld aus dem Nichts (es gibt dazu ein youtube-Filmchen, das zwar nicht ganz unwahr ist, aber vollkommen bewusst die zweite Hälfte der Wahrheit verschweigt)
Wo soll man anfangen?
Natürlich scheint dem kleinen Hansi, dass der Bankmitarbeiter nichts tut, als eine Zahl in einen Computer einzutippen und dafür perfider Weise das gesamte Vermögen des Schuldners zu übernehmen. Was wirklich passiert, wird in den WELTUNTERGANG!!!!!!-Kreisen aber niemals erwähnt:
1. Der Schuldner macht das freiwillig. Ohne Unterschrift kein Kredit.
2. Das Geld scheint aus dem Nichts zu kommen. Tut es theoretisch auch. ABER: Es steht jetzt in der Bankbilanz. DAS ist die Leistung der Bank – sie übernimmt das Risiko eines Zahlungsausfalles. Und darum braucht sie Sicherheiten.
Exkurs: Genau dieses Risiko ist übrigens in der Finanzkrise schlagend geworden. Ganz kurz und vereinfacht sind Kredite – die so kompliziert strukturiert waren, dass keiner inklusive der Profis auf dem Gebiet mehr durchgeblickt hat – geplatzt. Und weil sie gebündelt und mit dem Gütesiegel der Ratinggeier in alle Welt verkauft worden waren, konnte dieser Ausfall von Immo-Krediten finanzschwacher Amerikaner irgend wo im Mittelwesten die ganze Weltwirtschaft infizieren. Ja, das kann auch im kleinen, gesegneten (wäre da nicht die ganz bitterböse EU!) Österreich passieren.
Das wissen ja doch schon einige. Was sich aber besser hält als der Gulaschsaftspritzer auf dem Lieblingshemd ist Gerücht Nummer zwei: Banken würden Geld aus dem Nichts erschaffen.
Bei oberflächlicher Betrachtung tun sie das. Kein Geldtransporter fährt vor, wenn sich jemand 100.000 Euro ausborgt. Jemand tippt das in ein Terminal und fertig. Das kennen alle, das haben die meisten schon mal gesehen. Und dann haben sie abbezahlt, jahrelang (ja, liebe Verschwörungstheoretiker, das ist der Grund, warum jemand Kredit aufnimmt – er hat das Geld nicht flüssig)
Worüber sich aber weder youtube-Agitierer noch ihre blinden Apostel Gedanken machen ist Teil zwei dieser Transaktion: Das Geld verschwindet nämlich wieder ins Nichts, wenn es zurückbezahlt wird. Der Bank bleiben die Zinsen. Dem Kreditnehmer bleiben im Idealfall reale Werte, oder zumindest wurde in die Realwirtschaft investiert. JA, die Banken können natürlich viel mehr Kredit vergeben, als sie Geld haben, schon klar (Common Equity), würde die Kette jedoch enden, wäre die Kreditsumme wieder null. ‘Geschaffen’ wurden die Zinsen, und zwar durch tatsächliche, realwirtschaftliche Tätigkeiten.
Kritik am Geldsystem
Selbstverständlich ist das Geldsystem bei Weitem nicht perfekt. Gerade in den letzten Jahren hat es unglaubliche Schwächen offenbart – vor allem, dass Banken inzwischen too big to fail sind. Die Gewinne werden so privatisiert, tritt eine Krise mit Verlusten ein, wären die volkswirtschaftlichen Schäden von Bankpleiten so gewaltig, dass die Staaten aushelfen und so die Verluste sozialisieren. Die nicht ganz unrichtige Perzeption ist also, dass die alleinerziehende Billa-Kassierin die Bonuszahlungen an unfähige Bankmanager finanziert. Im Großen finanziert die alleinerziehende Billa-Kassierin Staaten wie Portugal, die im Gegensatz zu heimischen Stammtischraunzern offensichtlich nicht wirtschaften können. Die Argumentation ist vergleichbar, die Argumentierenden weisen einen ähnlichen Alkoholspiegel auf.
Lösungsvorschlag? International gültige Regeln, wie groß eine Bank werden darf. Zielvorgabe: Kleiner als too big to fail.
Das Problem aus österreichischer Sicht ist, dass eine sehr starke nationalistische Komponente dazukommt. Ach, hätten wir doch noch den guten, alten Schilling. Dann könnten wir, wie wir wollen und müssten nicht für die faule Peripherie aufkommen, hätten nur staatliche Banken ohne böse Manager und überhaupt würde es jeden Sonntag Schnitzel und Bier regnen.
Dass Österreich in diesem Fall das erste Opfer der Finanzkrise in Europa geworden wäre – danke, Jörg, mit deiner Hypo Alpe Adria, du hast uns wirklich überhaupt nie belogen –wird dabei übersehen. Dass die jahrelang von Boulevardmedien und Politik beschworene Isolation in den Abgrund führt, auch. Wir sind nämlich nicht die als ewiges Beispiel beschworene Schweiz. Die lebt vom Kapitalertrag Tausender Milliarden an Blutgeld, die auf ihren anonymen Konten liegen, und den ansonsten so verteufelten Pharma-Unternehmen. Österreich hat beides nicht und ist somit nur von der Landschaft her vergleichbar.
Die Forderung nach neuen Regeln und neuer Transparenz im Geldsystem ist legitim. Die Angst vor einem eventuellen Crash in allerschrillstem Hysteriegeplärre allerdings nicht. Fakt ist, in jedem System gibt es jene, die haben und jene, die nicht haben. Der Wunsch, das Rufen, das Verlangen und Herbeischreiben des Zusammenbruches ist weder produktiv noch eine Diskussion. Es ist einfach dumm und dient ausschließlich der Selbstpromotion. Sollte man aufpassen und sich absichern? Auf jeden Fall. Sollte man aufgrund irgend welcher Online-Halbwahrheiten von Unbekannten in Panik verfallen? Nein!
8 comments
Trackback e pingback
-
Banken Volksbegehren: Jaja, was Banken wirklich machen?!? | Finanz-Journal.at
[...] auch lustige Handlungsempfehlungen, wie z. B. dass man sein Konto auflösen solle. Wie auch Neumondnacht.at darüber berichtet, hat wohl ... -
jahresrückblick. |
[...] zur totalen (neoliberalen!) Verschwörung haben da durchaus ebenso Platz wie ahnungsloses Geschwätz zur Wirtschaftslage. Das, so sei hinzugefügt, größtenteils ...
Ich würde mal schätzen, daß ungefähr 98% der Bevölkerung das Bank-/Finanzwesen nicht versteht bzw. korrekt erklären kann.
Dafür gibt’s auch recht prominente Beispiele. Z. B. dieses hier, eine Erläuterung von
Univ.-Prof. Dr. Ewald Nowotny am 20. Dezember 2010 :
http://www.direktzu.at/oenb/messages/29525
(„…müssen Banken, damit sie einen Kredit vergeben können, auf der Passivseite ihrer Bilanz über entsprechende Mittel verfügen.… Ein Kredit kann aber jedenfalls nicht „durch sich selbst gedeckt“ sein, in dem Sinne, dass die Bank die aktivseitige Kreditforderung einfach auf der Passivseite als Kontostand gutschreibt.”)
Aber gut, der Generaldirektor von BMW muß ja auch nicht so genau wissen, wie ein Auto funktioniert. Dafür gibt’s ja Mitarbeiter, die fachkundig sind.
Lieber Reinhold (das ist mein Blog, hier duzt man sich. Ich bin der Paul.),
ich habe heute ein anonymes Pickerl auf einem Bankomaten gesehen. Mit Brecht-Zitat und der URL drauf. Ich möchte darauf hinweisen, dass das Spammen IRL keine gute Idee ist und rechtlich verfolgt werden kann (nein, keine Angst, ich zeige es nicht an, weil es mir nämlich wurscht ist — Leute, die auf solche absurden ‚Handlungsempfehlungen’ auch noch hören, sind eh nicht mehr zu retten.
Ich denke, ich habe sowohl in Blogeinträgen als auch in Kommentaren mehr als ausreichend dargelegt, was genau in mir einen Follikelreflex auslöst. Man sollte es halt lesen und verstehen.
Was die Verschwörung betrifft… sie ist auf BV.at sicher nicht im Vordergrund. Aber all diese DER ZUSAMMENBRUCH KOMMT!!!!!-Theorien sind ebendort anzusiedeln. Ja, wahrscheinlich wird das zu meinen/unseren Lebzeiten passieren. Dannw erden wir es aber nicht vorher gewusst haben. Aber wenn es passiert, wird uns keine pseudolinke ‚Handlungsempfehlung’ retten. Dann rettet uns nur, vorgesorgt zu haben. DAS wäre eine Empfehlung — für einen solchen katastrophalen Notfall vorzusorgen. Sich vielleicht ein Stückchen Land mit einer Quelle drauf zu kaufen, statt sinnlos Geld in intrinsisch wertloses Gold zu stecken oder sonstigen Quatsch, der in den UNTERGANGS!!!!-Kreisen so beliebt ist.
Ich halte die ‚Empfehlungen’ für kontraproduktiv und destruktiv. Warum, steht im Posting. Ich kann nur wiederholen: Es gibt SO viel zu kritisieren am System, und eine Reform des Bankwesens hin zu ‚small enough to fail’ wäre mehr als wünschenswert. Dafür braucht man jedoch nur der Öffentlichkeit bildlich die Macht der Banken vor Augen führen und muss nicht halbesoterische, und viel wichtiger, halbwahre Argumente einbringen.
Sehr geehrter Valerius!
Es ist sehr spannend zu lesen, welche Körperempfindungen die Handlungsempfehlungen auf http://www.banken-volksbegehren.at bei Ihnen auslösen. Können Sie bitte auch rational nachvollziehbare, also sachliche Einwände bringen?
Sie sind übrigens die Erklärung schuldig geblieben, was denn die — angeblich — auf http://www.banken-volksbegehren.at dargestellte Verschwörung ist. Bitte um Erklärung. Oder erklären Sie bitte, was konkret an den auf http://www.banken-volksbegehren.at dargestellten Sachverhalten unwahr ist.
Mit bestem Dank und freundlichen Grüßen,
R. M.
Ich halte diese ‚Empfehlungen’ für haarsträubenden Unsinn, und jeder, der im richtigen Leben steht und einen IQ über Raumtemperatur hat, wird mir zustimmen. Was die Verschwörungstheorien betrifft: Diese ganzen Geldmarkt-Theorien, die so herumflirren und ausschließlich auf die Angst und Emotionen der Leser abzielen, gehören zu selbigen. Egal, ob das jetzt atemlos-panische Goldempfehler sind oder solche Typen wie ihr, die es vielleicht gut meinen aber sonst schon gar nichts, all das ist nicht besser als die Zeugen Jehovas und bedienen dieselbe Zielgruppe.
Es ist eine Sache, Dinge verbessern zu wollen. Es ist eine ganze andere, Halb– und Unwahrheiten zum Zwecke der allgemeinen Panik zu verbreiten. Da hat niemand was davon außer die Zündler. Ich frage mich, was denn an so einem Zusammenbruch so schön sein soll.
Im Übrigen rentiert es sich nicht, auf meiner Seite zu spammen. Hier gibt’s zwar einige Leser, aber die fallen auf euren Blödsinn nicht herein. Dafür haben sie nämlich zu viel Hirn.
Ihr Beitrag ist sehr interessant, er liest sich sehr unterhaltsam!
Allerdings sind einige Dinge nicht ganz klar verständlich, vielleicht können Sie das aufklären.
Sie schreiben von http://www.banken-volksbegehren.at als einer Verschwörungsseite. Nun, habe ich mir die Texte auf dieser Seite angesehen, kann aber keine Verschwörung erkennen. Zwar werden Sachverhalte dargestellt, die durchaus Unbehagen verursachen können, aber von einer Verschwörung läßt sich aus der Seite nichts herauslesen.
Ihre Argumentationslinie bzgl. den auf http://www.banken-volksbegehren.at ausgeführten Handlungsempfehlungen ist etwas eigensinnig, aber vielleicht ist es bloß ein Mißverständnis.
Auf den Punkt gebracht ist Ihre Argumentationslinie diese: „Die Handlungsempfehlungen sind lächerlich, weil sie das Aufgeben von Bequemlichkeiten bedeuten würden.” Ist es das, was sie gemeint haben?
Noch was zur Verschwörung. Kennen Sie den?
Sagt ein Schwein zum anderen: „Hast Du schon gehört? Der Bauer züchtet und füttert uns nur, damit wir groß und stark werden und er uns dann schlachten und unser Fleisch essen kann.„
Sagt das andere Schwein: „Du schon wieder mit deinen Verschwörungsgeschichten.”
danke für diesen Kommentar!! die ganzen neunmalklugen Apokalyptiker die einem in Foren aber auch privat über den Weg laufen nerven schon dermaßen, da ist es eine Wonne einen „normalen” Blog lesen zu können