dummes foren-geschwätz.

Apr
2011
07

Por­tu­gal will EU-Geld (end­lich). Die EZB hebt die Leit­zin­sen (end­lich). Und es zeigt sich wie­der ein­mal, dass, egal, was pas­siert, in diver­sen Foren IMMER die Welt unter­geht, der finan­zi­elle Crash unmit­tel­bar bevor­steht und über­haupt spä­tes­tens in zwei Mona­ten der glor­rei­che glo­bale Kom­mu­nis­mus herr­schen wird. End­lich!

Ein Link, der in die­sem Zusam­men­hang immer wie­der genannt wird, ist, neben schwach­sin­ni­gen Ver­schwö­rungs­sei­ten wie dem Kopp-Verlag und hart​geld​.com, http://​www​.ban​ken​-volks​be​geh​ren​.at/ In die­sem noch nicht in der rea­len Welt ange­kom­me­nen Volks­be­geh­ren wird fol­gen­des gefordert: 

Wir for­dern eine Kor­rek­tur des Bank­ge­schäf­tes, sodaß [sic] eine Anwen­dung des Straf­ge­setz­bu­ches (ins­be­son­dere StGB §147, §148, §154 und §278a) auf das Bank­ge­schäft nicht mehr mög­lich ist.

Nun ja. Ver­spro­chen wird eine Erläu­te­rung für jene 99 Pro­zent der Mensch­heit, die nicht wis­sen, was damit gemeint sein soll:

Die Bank läßt [sic, diese Recht­schrei­bung stammt aus Zei­ten, als wir noch den ‘guten alten Schil­ling’, sprich, die D-Mark, hat­ten] sich bei einer Kre­dit­ver­gabe („Befrie­di­gung eines Geld­be­dürf­nis­ses”) Sicher­hei­ten („einen Ver­mö­gens­vor­teil”) ver­spre­chen.
Der Wert der Leis­tung der Bank (eine Zahl auf ein Kre­dit­konto schrei­ben) steht in einem „auf­fal­len­den Miß­ver­hält­nis”
[…] zu der Leis­tung des Kre­dit­neh­mers (meist jah­re­lange oder gar jahr­zehn­te­lange harte Lohn­ar­beit).

Und hier fängt der kom­plette Schwach­sinn an. Er wird auf die­ser Seite genauer erläu­tert. Aber als klei­ner Spoi­ler: Hier die ganz tol­len Tipps der anony­men Voll­aus­ken­ner, wie man das alles umge­hen kann:

  • Kün­di­gen Sie Ihr Konto. Damit ent­zie­hen Sie dem Ban­ken­sys­tem die Mög­lich­keit (noch mehr) Geld aus dem Nichts zu schöp­fen. Ein Leben ohne Konto ist mög­lich. Oder ver­su­chen Sie wenigs­tens die Anzahl der Kon­ten in der Fami­lie auf ein Mini­mum zu beschrän­ken. (viel Spaß beim Abho­len des schwe­ren Geld­sa­ckerls vom Arbeit­ge­ber. Es wird nur ein Mal pas­sie­ren, also keine Angst vor dem Band­schei­ben­vor­fall.)
  • Kün­di­gen Sie Ihre pri­vate Pen­si­ons­ver­si­che­rung. Sie wird in den nächs­ten paar Jah­ren wert­los wer­den. (Na wenn ihr das sagt: Schnell, alle auf die Bank, PV kün­di­gen und rie­sige Ver­luste in Kauf neh­men!)
  • Ver­lan­gen Sie keine Zin­sen und zah­len Sie keine Zin­sen. (Viel­leicht kann man das neue Haus in Pappmaché-Figuren zah­len? Oder ein­fach den nächs­ten Tipp beher­zi­gen: ein neues Dach gegen 10.000 Mal Schuhe put­zen!)
  • Wo immer es mög­lich ist, tau­schen Sie Güter und/oder Dienst­leis­tun­gen direkt, ohne Geld. (Cool, wie in der Bron­ze­zeit zum letz­ten Mal!)
  • Tun Sie etwas für Ihre – unmit­tel­bare – Gemein­schaft. (Sowieso immer eine gute Idee; was hat das mit Geld zu tun?)
  • Kau­fen Sie bewußt ein: kau­fen Sie lokale Erzeug­nisse. (Auch immer eine gute Idee. Wie­der nichts mit Geld zu tun.)
  • Ver­wen­den Sie freie Soft­ware. (SIC!)
  • Gehen Sie bewuß­ter mit Ener­gie um, sie ist ein sehr kost­ba­res Gut. (Ähm, ja, eh.)

Dumpfste pseu­do­linke Para­noia­pro­pa­ganda on parade.

Abge­se­hen davon, dass diese Seite anonym geführt wird (Angst vor der NWO, den Frei­mau­rern, der Ost­küste, Mars­männ­chen, Illu­mi­nati?), zieht sich die­ser Blöd­sinn durch die ganze Argu­men­ta­tion. Zwei wie­der und wie­der wie­der­holte Punkte fal­len dabei beson­ders auf:

1. Die Leis­tung der Bank sei, eine Zahl auf ein Konto zu buchen.
2. Die Bank erschafft die­ses Geld aus dem Nichts (es gibt dazu ein youtube-Filmchen, das zwar nicht ganz unwahr ist, aber voll­kom­men bewusst die zweite Hälfte der Wahr­heit verschweigt)

Wo soll man anfangen?

Natür­lich scheint dem klei­nen Hansi, dass der Bank­mit­ar­bei­ter nichts tut, als eine Zahl in einen Com­pu­ter ein­zu­tip­pen und dafür per­fi­der Weise das gesamte Ver­mö­gen des Schuld­ners zu über­neh­men. Was wirk­lich pas­siert, wird in den WELTUNTERGANG!!!!!!-Kreisen aber nie­mals erwähnt:

1. Der Schuld­ner macht das frei­wil­lig. Ohne Unter­schrift kein Kre­dit.
2. Das Geld scheint aus dem Nichts zu kom­men. Tut es theo­re­tisch auch. ABER: Es steht jetzt in der Bank­bi­lanz. DAS ist die Leis­tung der Bank – sie über­nimmt das Risiko eines Zah­lungs­aus­fal­les. Und darum braucht sie Sicherheiten.

Exkurs: Genau die­ses Risiko ist übri­gens in der Finanz­krise schla­gend gewor­den. Ganz kurz und ver­ein­facht sind Kre­dite – die so kom­pli­ziert struk­tu­riert waren, dass kei­ner inklu­sive der Pro­fis auf dem Gebiet mehr durch­ge­blickt hat – geplatzt. Und weil sie gebün­delt und mit dem Güte­sie­gel der Rating­geier in alle Welt ver­kauft wor­den waren, konnte die­ser Aus­fall von Immo-Krediten finanz­schwa­cher Ame­ri­ka­ner irgend wo im Mit­tel­wes­ten die ganze Welt­wirt­schaft infi­zie­ren. Ja, das kann auch im klei­nen, geseg­ne­ten (wäre da nicht die ganz bit­ter­böse EU!) Öster­reich passieren.

Das wis­sen ja doch schon einige. Was sich aber bes­ser hält als der Gulasch­saftsprit­zer auf dem Lieb­lings­hemd ist Gerücht Num­mer zwei: Ban­ken wür­den Geld aus dem Nichts erschaffen.

Bei ober­fläch­li­cher Betrach­tung tun sie das. Kein Geld­trans­por­ter fährt vor, wenn sich jemand 100.000 Euro aus­borgt. Jemand tippt das in ein Ter­mi­nal und fer­tig. Das ken­nen alle, das haben die meis­ten schon mal gese­hen. Und dann haben sie abbe­zahlt, jah­re­lang (ja, liebe Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker, das ist der Grund, warum jemand Kre­dit auf­nimmt – er hat das Geld nicht flüssig)

Wor­über sich aber weder youtube-Agitierer noch ihre blin­den Apos­tel Gedan­ken machen ist Teil zwei die­ser Trans­ak­tion: Das Geld ver­schwin­det näm­lich wie­der ins Nichts, wenn es zurück­be­zahlt wird. Der Bank blei­ben die Zin­sen. Dem Kre­dit­neh­mer blei­ben im Ide­al­fall reale Werte, oder zumin­dest wurde in die Real­wirt­schaft inves­tiert. JA, die Ban­ken kön­nen natür­lich viel mehr Kre­dit ver­ge­ben, als sie Geld haben, schon klar (Com­mon Equity), würde die Kette jedoch enden, wäre die Kre­dit­summe wie­der null. ‘Geschaf­fen’ wur­den die Zin­sen, und zwar durch tat­säch­li­che, real­wirt­schaft­li­che Tätigkeiten.

Kri­tik am Geldsystem

Selbst­ver­ständ­lich ist das Geld­sys­tem bei Wei­tem nicht per­fekt. Gerade in den letz­ten Jah­ren hat es unglaub­li­che Schwä­chen offen­bart – vor allem, dass Ban­ken inzwi­schen too big to fail sind. Die Gewinne wer­den so pri­va­ti­siert, tritt eine Krise mit Ver­lus­ten ein, wären die volks­wirt­schaft­li­chen Schä­den von Bank­plei­ten so gewal­tig, dass die Staa­ten aus­hel­fen und so die Ver­luste sozia­li­sie­ren. Die nicht ganz unrich­tige Per­zep­tion ist also, dass die allein­er­zie­hende Billa-Kassierin die Bonus­zah­lun­gen an unfä­hige Bank­ma­na­ger finan­ziert. Im Gro­ßen finan­ziert die allein­er­zie­hende Billa-Kassierin Staa­ten wie Por­tu­gal, die im Gegen­satz zu hei­mi­schen Stamm­tischraun­zern offen­sicht­lich nicht wirt­schaf­ten kön­nen. Die Argu­men­ta­tion ist ver­gleich­bar, die Argu­men­tie­ren­den wei­sen einen ähnli­chen Alko­hol­spie­gel auf.

Lösungs­vor­schlag? Inter­na­tio­nal gül­tige Regeln, wie groß eine Bank wer­den darf. Ziel­vor­gabe: Klei­ner als too big to fail.

Das Pro­blem aus öster­rei­chi­scher Sicht ist, dass eine sehr starke natio­na­lis­ti­sche Kom­po­nente dazu­kommt. Ach, hät­ten wir doch noch den guten, alten Schil­ling. Dann könn­ten wir, wie wir wol­len und müss­ten nicht für die faule Peri­phe­rie auf­kom­men, hät­ten nur staat­li­che Ban­ken ohne böse Mana­ger und über­haupt würde es jeden Sonn­tag Schnit­zel und Bier regnen.

Dass Öster­reich in die­sem Fall das erste Opfer der Finanz­krise in Europa gewor­den wäre – danke, Jörg, mit dei­ner Hypo Alpe Adria, du hast uns wirk­lich über­haupt nie belo­gen –wird dabei über­se­hen. Dass die jah­re­lang von Bou­le­vard­me­dien und Poli­tik beschwo­rene Iso­la­tion in den Abgrund führt, auch. Wir sind näm­lich nicht die als ewi­ges Bei­spiel beschwo­rene Schweiz. Die lebt vom Kapi­tal­er­trag Tau­sen­der Mil­li­ar­den an Blut­geld, die auf ihren anony­men Kon­ten lie­gen, und den ansons­ten so ver­teu­fel­ten Pharma-Unternehmen. Öster­reich hat bei­des nicht und ist somit nur von der Land­schaft her vergleichbar.

Die For­de­rung nach neuen Regeln und neuer Trans­pa­renz im Geld­sys­tem ist legi­tim. Die Angst vor einem even­tu­el­len Crash in aller­schrills­tem Hys­te­rie­ge­plärre aller­dings nicht. Fakt ist, in jedem Sys­tem gibt es jene, die haben und jene, die nicht haben. Der Wunsch, das Rufen, das Ver­lan­gen und Her­bei­sch­rei­ben des Zusam­men­bru­ches ist weder pro­duk­tiv noch eine Dis­kus­sion. Es ist ein­fach dumm und dient aus­schließ­lich der Selbst­pro­mo­tion. Sollte man auf­pas­sen und sich absi­chern? Auf jeden Fall. Sollte man auf­grund irgend wel­cher Online-Halbwahrheiten von Unbe­kann­ten in Panik ver­fal­len? Nein!

8 comments

  1. Fauler Willi
  2. Valerius
  3. R. M.
  4. Valerius
  5. R. M.
  6. david

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  1. Banken Volksbegehren: Jaja, was Banken wirklich machen?!? | Finanz-Journal.at
    [...] auch lustige Handlungsempfehlungen, wie z. B. dass man sein Konto auflösen solle. Wie auch Neumondnacht.at darüber berichtet, hat wohl ...
  2. jahresrückblick. |
    [...] zur tota­len (neo­li­be­ra­len!) Ver­schwö­rung haben da durch­aus ebenso Platz wie ahnungs­lo­ses Geschwätz zur Wirt­schafts­lage. Das, so sei hin­zu­ge­fügt, größ­ten­teils ...

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