jahresrückblick.
2011
Jahresrückblicke sind sehr beliebt. Keine Zeitung, keine News-Seite, die ohne auskommt. Daher sparen wir ihn uns hier einfach. Die große Beobachtung 2011 war ein interessantes Auseinanderdriften von Perzeption und Realität. Liest man zum Beispiel die Online-Foren diverser Qualitätszeitungen, könnte man glauben, jede irgend wann einmal erfundene Verschwörungstheorie wird zur Erklärung schwer verständlicher Sachverhalte aus den dunkelsten Ecken des Internet herangezerrt. Bilderberger, Illuminati, diverse Verschwörungen zur totalen (neoliberalen!) Verschwörung haben da durchaus ebenso Platz wie ahnungsloses Geschwätz zur Wirtschaftslage. Das, so sei hinzugefügt, größtenteils aus den Szenarien a. Totalzusammenbruch b. Hyperinflation (fängt für manche schon bei 2 Prozent an, weil’s halt so gut klingt) oder, für jene, die Wikipedia mehr als 10 Minuten lang gelesen haben, gar *schluck* c. Deflation, die dümmste aller Annahmen.
Hier kommt oben Erwähntes ins Spiel. Denn einerseits macht das mediale Dauerfeuer Angst. Der Euro bricht zum Beispiel beim Ex-Qualitätsblatt Der Spiegel sowieso jede Woche zusammen, nur um zwei Tage später in einer verschämten Minimeldung wieder aufzuerstehen. Populistische Untergangsschreier haben ihren ganz großen, wohl bezahlten Auftritt und werden von den angeblich kritischen Geistern — grundsätzlich so diskussionsfähig wie religiöse Fanatiker, Fußballfans und Vegetarier gemeinsam — unhinterfragt akzeptiert, weil sie Anderes sagen als der in diesen Kreisen ohnehin als ausschließlich lügend gesehene Medien-Mainstream. Sie verhalten sich damit genau so wie Menschen, die Unverständliches auf überirdische Götter abschieben — kommen sich dabei jedoch deutlich aufgeklärter vor. Außerden, und auch das ist wichtig, sind der rechte Spinner Popp, der Kabarettist Pispers, der hauptberufliche Gesichtverzieher Müller und der Buchhaltungslehrer Hörmann, um nur ein paar herauszupicken, das real-apokalyptische Pendant zu einem Michael-Bay-Film: Viele Explosionen und endlich tut sich mal was!
Die Perzeption ist also, dass wir uns, wehrlos, an einem bodenlosen Abgrund befinden, offensichtlich schlimmer als der Atomkrieg und unausweichlicher als der Maya-Kalender und Asteroid Apophis zusammen.
Die Realität ist, dass sich eigentlich nicht viel geändert hat. Die Einkaufszentren sind voll, die meisten zahlen ihre Kredite für das Häuschen im Grünen zurück und stellen zu diesem Zweck ihre Arbeitskraft einem pöhser Weise gewinnorientierten Unternehmen zur Verfügung. In der realen Welt herrscht also business as usual, während in der Finanzwelt die Fetzen fliegen, aber (noch?) abgekoppelt von der echten. Unbegreifliche Summen, die es nur als Zahlen auf dem Papier gibt, werden da hin und her geschoben — und zwar ohne die allerkleinste Auswirkung auf irgend was. Ja, natürlich, das eine oder andere in Regierungs-Schönsprech verpackte Belastungspaket mag zwar kommen. Aber auch das wird unseren Lebensstandard nicht wirklich einschränken.
Etwas unterhalb dieser Oberfläche befindet sich eine Strömung voller Unsicherheit und auch Wut. Nein, bei weitem nicht genug, um die von so vielen ‚Kommentatoren’ gewünschte Revolution auszulösen (warum die nicht selbst den Hintern vom Sofa heben und loslegen, ist wohl dem tollen ORF-Programm und einer gewissen Schwere vom Festtagsgansl zu verdanken). Denn, wie schon angesprochen, eigentlich ist ja nichts anders. Das ist die große Diskrepanz, die wohl diverse Forschungszweige noch lang analysieren werden. Soziologen werden nachfragen, warum die Leute sich einerseits verrückt machen lassen, andererseits aber nicht in Ackerland, Bunker und Waffen investieren. Wirtschaftsforscher werden nachfragen, warum auch die zweite große Finanzkrise innerhalb von vier Jahren auch keine großen Auswirkungen auf das reale Wirtschaftsleben hatte. Historiker werden fragen, woher eigentlich die Zurückhaltung der USA kam, ihre eigenen Probleme nicht auf die klassische Art zu lösen und dem Iran verdienter Maßen zumindest die Atomanlagen militärisch wegzunehmen. Und die Politikwissenschaftler… sie werden fragen, warum sich die EU selbst im Angesicht der Desintegration nicht von ihren nationalen Interessen loseisen und endlich wirklich europäisch denken kann.
Was ist das Fazit von 2011? Eigentlich ein merkwürdig-melancholisch positives. 2011 mag zwar ein weiteres Krisenjahr gewesen sein, und doch hat es gezeigt, dass sich der Mensch weiterentwickelt hat und nicht mehr wild um sich zu schlagen beginnt, wenn etwas nicht ganz glatt läuft. Vor 80 Jahren endete eine ähnliche Krise in der größten Depression der Menschheitsgeschichte und wurde schließlich vom größten Gemetzel in selbiger wieder geradegebogen. Heute scheinen wir so weit zu sein, dass wir anders reagieren können — auf die langweilige, aber deutlich weniger blutige Weise. Und das gibt, trotz so vieler Dinge, die es noch zu verbessern gibt, durchaus Hoffnung.
In diesem Sinne: Guten Rutsch an alle, die hier mitlesen!