jahresrückblick.

Dez
2011
29

Jah­res­rück­bli­cke sind sehr beliebt. Keine Zei­tung, keine News-Seite, die ohne aus­kommt. Daher spa­ren wir ihn uns hier ein­fach. Die große Beob­ach­tung 2011 war ein inter­es­san­tes Aus­ein­an­der­drif­ten von Per­zep­tion und Rea­li­tät. Liest man zum Bei­spiel die Online-Foren diver­ser Qua­li­täts­zei­tun­gen, könnte man glau­ben, jede irgend wann ein­mal erfun­dene Ver­schwö­rungs­theo­rie wird zur Erklä­rung schwer ver­ständ­li­cher Sach­ver­halte aus den dun­kels­ten Ecken des Inter­net her­an­ge­zerrt. Bil­der­ber­ger, Illu­mi­nati, diverse Ver­schwö­run­gen zur tota­len (neo­li­be­ra­len!) Ver­schwö­rung haben da durch­aus ebenso Platz wie ahnungs­lo­ses Geschwätz zur Wirt­schafts­lage. Das, so sei hin­zu­ge­fügt, größ­ten­teils aus den Sze­na­rien a. Total­zu­sam­men­bruch b. Hyper­in­fla­tion (fängt für man­che schon bei 2 Pro­zent an, weil’s halt so gut klingt) oder, für jene, die Wiki­pe­dia mehr als 10 Minu­ten lang gele­sen haben, gar *schluck* c. Defla­tion, die dümmste aller Annahmen.

Hier kommt oben Erwähn­tes ins Spiel. Denn einer­seits macht das mediale Dau­er­feuer Angst. Der Euro bricht zum Bei­spiel beim Ex-Qualitätsblatt Der Spie­gel sowieso jede Woche zusam­men, nur um zwei Tage spä­ter in einer ver­schäm­ten Mini­mel­dung wie­der auf­zu­er­ste­hen. Popu­lis­ti­sche Unter­gangs­schreier haben ihren ganz gro­ßen, wohl bezahl­ten  Auf­tritt und wer­den von den angeb­lich kri­ti­schen Geis­tern — grund­sätz­lich so dis­kus­si­ons­fä­hig wie reli­giöse Fana­ti­ker, Fuß­ball­fans und Vege­ta­rier gemein­sam — unhin­ter­fragt akzep­tiert, weil sie Ande­res sagen als der in die­sen Krei­sen ohne­hin als aus­schließ­lich lügend gese­hene Medien-Mainstream. Sie ver­hal­ten sich damit genau so wie Men­schen, die Unver­ständ­li­ches auf über­ir­di­sche Göt­ter abschie­ben — kom­men sich dabei jedoch deut­lich auf­ge­klär­ter vor. Außer­den, und auch das ist wich­tig, sind der rechte Spin­ner Popp, der Kaba­ret­tist Pis­pers, der haupt­be­ruf­li­che Gesicht­ver­zie­her Mül­ler und der Buch­hal­tungs­leh­rer Hör­mann, um nur ein paar her­aus­zu­pi­cken, das real-apokalyptische Pen­dant zu einem Michael-Bay-Film: Viele Explo­sio­nen und end­lich tut sich mal was!

Die Per­zep­tion ist also, dass wir uns, wehr­los, an einem boden­lo­sen Abgrund befin­den, offen­sicht­lich schlim­mer als der Atom­krieg und unaus­weich­li­cher als der Maya-Kalender und Aste­roid Apo­phis zusammen.

Die Rea­li­tät ist, dass sich eigent­lich nicht viel geän­dert hat. Die Ein­kaufs­zen­tren sind voll, die meis­ten zah­len ihre Kre­dite für das Häus­chen im Grü­nen zurück und stel­len zu die­sem Zweck ihre Arbeits­kraft einem pöh­ser Weise gewinn­ori­en­tier­ten Unter­neh­men zur Ver­fü­gung. In der rea­len Welt herrscht also busi­ness as usual, wäh­rend in der Finanz­welt die Fet­zen flie­gen, aber (noch?) abge­kop­pelt von der ech­ten. Unbe­greif­li­che Sum­men, die es nur als Zah­len auf dem Papier gibt, wer­den da hin und her gescho­ben — und zwar ohne die aller­kleinste Aus­wir­kung auf irgend was. Ja, natür­lich, das eine oder andere in Regierungs-Schönsprech ver­packte Belas­tungs­pa­ket mag zwar kom­men. Aber auch das wird unse­ren Lebens­stan­dard nicht wirk­lich einschränken.

Etwas unter­halb die­ser Ober­flä­che befin­det sich eine Strö­mung vol­ler Unsi­cher­heit und auch Wut. Nein, bei wei­tem nicht genug, um die von so vie­len ‚Kom­men­ta­to­ren’ gewünschte Revo­lu­tion aus­zu­lö­sen (warum die nicht selbst den Hin­tern vom Sofa heben und los­le­gen, ist wohl dem tol­len ORF-Programm und einer gewis­sen Schwere vom Fest­tags­gansl zu ver­dan­ken). Denn, wie schon ange­spro­chen, eigent­lich ist ja nichts anders. Das ist die große Dis­kre­panz, die wohl diverse For­schungs­zweige noch lang ana­ly­sie­ren wer­den. Sozio­lo­gen wer­den nach­fra­gen, warum die Leute sich einer­seits ver­rückt machen las­sen, ande­rer­seits aber nicht in Acker­land, Bun­ker und Waf­fen inves­tie­ren. Wirt­schafts­for­scher wer­den nach­fra­gen, warum auch die zweite große Finanz­krise inner­halb von vier Jah­ren auch keine gro­ßen Aus­wir­kun­gen auf das reale Wirt­schafts­le­ben hatte. His­to­ri­ker wer­den fra­gen, woher eigent­lich die Zurück­hal­tung der USA kam, ihre eige­nen Pro­bleme nicht auf die klas­si­sche Art zu lösen und dem Iran ver­dien­ter Maßen zumin­dest die Atom­an­la­gen mili­tä­risch weg­zu­neh­men. Und die Poli­tik­wis­sen­schaft­ler… sie wer­den fra­gen, warum sich die EU selbst im Ange­sicht der Des­in­te­gra­tion nicht von ihren natio­na­len Inter­es­sen los­ei­sen und end­lich wirk­lich euro­pä­isch den­ken kann.

Was ist das Fazit von 2011? Eigent­lich ein merkwürdig-melancholisch posi­ti­ves. 2011 mag zwar ein wei­te­res Kri­sen­jahr gewe­sen sein, und doch hat es gezeigt, dass sich der Mensch wei­ter­ent­wi­ckelt hat und nicht mehr wild um sich zu schla­gen beginnt, wenn etwas nicht ganz glatt läuft. Vor 80 Jah­ren endete eine ähnli­che Krise in der größ­ten Depres­sion der Mensch­heits­ge­schichte und wurde schließ­lich vom größ­ten Gemet­zel in sel­bi­ger wie­der gera­de­ge­bo­gen. Heute schei­nen wir so weit zu sein, dass wir anders rea­gie­ren kön­nen — auf die lang­wei­lige, aber deut­lich weni­ger blu­tige Weise. Und das gibt, trotz so vie­ler Dinge, die es noch zu ver­bes­sern gibt, durch­aus Hoffnung.

In die­sem Sinne: Guten Rutsch an alle, die hier mitlesen!

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